Zwischen Grand Prix de Eurovision, Helle Thorning-Schmidt und der Bibel



Es ist eher selten der Fall, aber es kommt vor: Die Tagespolitik ödet mich an. Im Trüben wird fleißig gefischt – Wahl oder nicht Wahl, das ist die mich derzeit eher langweilende Frage in Dänemark. Doch was tun, wenn der morgendliche Blick auf die timeline  von Twitter und Facebook sich scheinbar nur mit vor Vorfreude platzender Politiker füllt? Ich habe in dem verlängerten Pfingstwochenende meine Antwort gefunden:  Eurovision und die Bibel. 

Die Bibel, weil mir peinlich berührt aufgefallen ist, dass ich die Pfingstgeschichte nicht wirklich betriebssicher nacherzählen konnte. 

Dabei ist es eine schöne Geschichte, von der Verständigung der Menschen. Plötzlich ist die Entfremdung überwunden. Man ist jäh über die Sprachgrenzen hinweg  miteinander verbunden. Doch ich lese die Geschichte nicht als Plädoyer einer Einheitssprache oder Einheitskultur. Eher als eine Verständigung in der Vielfalt. Jeder Römer bleibt Römer und jeder Jude bleibt Jude – aber man kann sich verständigen. 

Damit wären wir – ich gebe zu, mit einem gewagten Spannungsbogen – beim Grand Prix de Eurovision angelangt. Früher hat jeder gemeint: „Den Schrott schaue ich nicht an“ und hat dann heimlich ABBA und Nicole gelauscht. Heute guckt jeder, weil es ein Happening geworden ist. Ich gebe kein künstlerisches Votum ab, aber ich war erstaunt zu hören, dass die meisten Teilnehmer, die stolz ihr Land vertraten, sich entschieden hatten, auf Englisch zu singen. Die deutsche Teilnehmerin (Zero Points) nicht anders als weitere 33 von 40 Teilnehmern.  Das hat nichts mit der in der Pfingstgeschichte erzählten, plötzlichen Überwindung des Sprachenwirrwarrs zu tun. Es ist – meiner Meinung nach – ein Tribut an einen Universalismus, der auf den ersten Blick modern und hip wirken mag. Ein anderes Beispiel für diese These findet sich in vielen der gemütlich-trendingen Cafés in Kopenhagen. Die mich immer häufiger an volltätowierte Vertreter eines neuen Biedermeiers (das ist aber eine andere Geschichte) erinnerndenn Bartender in diesen Cafés bedienen die Kunden auf Englisch. Auch wenn ich mein bestes Kopenhagener Dänisch mit nur leichtem Sønderjyskeinschlag spreche, wird mir häufig konsequent weiter auf Englisch geantwortet. Es ist halt en vogue.  

Versteht mich nicht falsch. Ich bin der Auffassung (unter Minderheitenvertreten nicht unumstritten), dass jeder Europäer ab dem Kindergartenalter Englisch lernen sollte. Was für ein Geschenk, ja die Rettung für ein gemeinsames Europa, wenn ein jeder und nicht nur eine Elite der Technokraten aus der „Brüssel-Bubble“ oder die sog. „Generation Ryanair“ sich wie selbstverständlich über die Grenzen hinweg unterhalten kann – sondern auch der Handwerker,   Arbeiter und Rentner. Nur durch eine gemeinsame Kommunikationseinheit erreichen wird eine gemeinsame Öffentlichkeit und dadurch das Zusammenwachsen. Dies sei aber nicht zu verwechseln mit der im Grand Prix oder in den hotten dänischen Cafés zelebrierten Selbstaufgabe der eigenen Sprache. Die muss man mit viel Inbrunst und Empathie sprechen. Sonst stirbt sie aus. Verfallen wir nicht in die Illusion, dass wir die eigene Sprache retten, indem wir Englisch als Lingua Franca verteufeln. Englisch hat als Verkehrssprache (der Eliten) bereits lange gesiegt. Lasst uns anstelle eines hoffnungslosen Kampfes gegen Englisch als Verkehrssprache, die eigene Sprache öffentlich selbstbewusst nutzen – auch beim Eurovision oder im täglichen Leben in der Minderheit – sonst verkümmert sie zu einer inhaltslosen Hülle. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen