Deutsche Minderheit in Nordschleswig: Freundlich und durchaus kontrovers – bei guter Stimmung im Wahlkampf


Dieser Blog ist als Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" erschienen. 

Die zurückliegende Woche war für die deutsche Minderheit turbulent. Sicher nicht so turbulent, wie für die beiden Hauptpersonen des Wahlkampfes, Helle Thorning-Schmidt und Lars Løkke Rasmussen, sowie für die über 900 Kandidaten, die am Donnerstag eines der 179 Folketingsmandate einnehmen wollen. Aber immerhin: es ist außergewöhnlich, dass wir in einer Woche sowohl die Regierungschefin als auch ihren Hauptherausforderer begrüßen können. Darüber hinaus haben wir eine Wahlveranstaltung in der Nachschule Tingleff durchgeführt und uns über ein rundum gelungenes Knivsbergfest gemeinsam freuen dürfen.  Die Stimmung war – so mein persönlicher Eindruck – unter Mitgliedern, Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen, Gästen und Freunden der Minderheit positiv und optimistisch. Es wurde zwar auch heftig diskutiert – kontrovers über Ortsschilder und die Folketingswahl, aber die Stimmung war gut.  

Dass die beiden Hauptpersonen des dänischen Politikbetriebes bei uns vorbeischauten – im Haus Nordschleswig und zum Knivsbergfest – ist ein Zeichen der Verbundenheit und Wertschätzung. Sowohl Lars Løkke als auch Helle Thorning konnten sich darüber hinaus sicher fühlen, dass sie bei uns nicht mit Kritik überschüttet werden würden. 
Lars Løkke hat als Innenminister die Sonderregelung für die Schleswigsche Partei im Zuge der Kommunalreform verhandelt, und die Regierung von Thorning-Schmidt hat uns jüngst die 100-prozentige  finanzielle Gleichstellung unserer Schulen abgesichert. Wir hatten also allen Anlass, beiden zu danken. 

Unser Hauptvorsitzender hat recht, wenn er in seiner  Knivsbergrede die Besuche als Beleg deutet, dass wir als Minderheit nach der Wahl mit jeder Regierung werden zusammenarbeiten können. Ob Mitte-links (Roter Block) oder Mitte-rechts (Blauer Block) – wir sind als Minderheit parteipolitisch neutral, was auch von allen Seiten respektiert wird. 

Wenn wir als offizielle Vertreter der Minderheit politisch neutral sind, bedeutet das natürlich nicht, dass die Angehörigen der deutschen Minderheit parteipolitische Eunuchen sind. Zum Knivsbergfest wurde viel und zum Teil heftig diskutiert. Über die verschiedenen Kandidaten, ob sie nun „unsere“ sind oder nicht. Auch die zweisprachigen Ortsschilder standen im Mittelpunkt zahlreicher Gespräche. 
Es ist doch der ultimative Beweis dafür, dass wir endgültig in der politischen Mitte der Gesellschaft angekommen sind, wenn wir uns intern aber auch mit Teilen der Mehrheit in  streitbare Diskussionen (Ortsschilder) begeben können, ohne dass dies gleich der minderheitenpolitische Super-Gau sein muss. Es ist in der Politik und im gesellschaftlichen Diskurs eine Binsenweisheit, dass man für seine Forderungen auch gegen Widerstand eintreten muss. Ansonsten erreicht man nur das, was einem angeboten bzw. gegönnt wird. 

Politik ist immer auch das Durchsetzen eigener Wünsche gegen Widerstände. Natürlich nicht mit Zwang, aber mit berechtigtem Nachdruck, die eigenen Ziele zu verfolgen, ist nicht nur legitim, sondern geboten. 

Viele Leser sind sicher froh, dass der Wahlkampfmarathon am Donnerstag endlich vorbei ist. Doch es geht um viel: Die 179 Plätze im Folketing sind hart umkämpft, vor allem parteiintern. Es kommt wortwörtlich auf jede Stimme an. Die Schleswigsche Partei hat bei den letzten Kommunalwahlen 8.620 Stimmen erzielt – dass ist im „Politikersprech“ eine  „beachtenswerte variable Stimmenmasse“, die durchaus über das eine oder andere persönliche Mandat am Donnerstag entscheiden könnte. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen