Künstliche Unterschiede: Die Macht der Zahlen und die Ohnmacht der Wähler

Dieser Blog ist als Kolumne "Bericht aus Kopenhagenern" in "Der Nordschleswiger erschienen. 


Bertel Haarder ist seit Ewigkeiten in der Politik. Er hat zwei Jahrzehnte als Minister gewirkt, war im Europäischen Parlament und ist über Parteigrenzen hinweg respektiert. Der aus Nordschleswig stammende Venstre-Politiker hat alles erreicht, was er politisch erreichen will. Seine Wiederwahl ins Folketing gilt ebenfalls als sicher. Er hat es daher nicht nötig, sich politisch Liebkind zu machen. Das ermöglicht einen Spielraum, etwas Nachdenkliches in den hitzigen Zeiten des Wahlkampfes zu formulieren. 

In einem Interview in der dänischen Wochenzeitung „Weekendavisen“  macht Bertel Haarder darauf aufmerksam, dass die Zeiten der (ideologischen) Gegensätze in der Politik vorbei sind. Als er seine politische Laufbahn begann, saßen im Folketing noch Kommunisten, die von einem anderen Gesellschaftsmodell träumten. Der Wähler will heute Beständigkeit, sucht die politische Mitte und will keine Veränderung. Alles soll so bleiben, wie bisher – nur etwas besser. Das haben natürlich sowohl Sozialdemokraten als auch Venstre antizipiert und tummeln sich in der politischen Mitte, denn dort werden die Wahlen gewonnen. Natürlich meint Haarder damit nicht, dass eine Stimme auf Venstre oder Sozialdemokraten keinen Unterschied mache – das nicht, aber die künstlichen Gräben, die die Wahlkämpfer rhetorisch graben, sollten mit kritischer Distanz betrachtet werden.

Doch neben den Worten der Weisheit, brennt der Wahlkampf ein tägliches Feuerwerk der Zahlen und „Fakten“ ab, der genau das Gegenteil nahe legen soll. Eine Stimme auf die Sozialdemokraten oder Venstre mache demnach einen enormen Unterschied aus. Ja, es gehe um die Zukunft der Nation. 
Diese politischen Unterschiede herauszustellen, wenn man sich in den großen Dinge eigentlich einig ist, ist gar nicht so einfach. Daher hat sich in den aktuellen Wahlkampf eine Zahlenfixierung geschlichen, die einem Kopfschmerzen bereiten kann. Angefangen von den täglichen Meinungsumfragen. Auch der Nordschleswiger hat jeden Tag für den Zeitungs-Ästheten ansprechende grafische Wasserstandsmeldungen auf der Titelseite. Doch die Aussagekraft solcher Grafiken ist – etwas frech formuliert – ungefähr in der Liga mit der Krake Paul (wir erinnern uns), die die Ergebnisse der Spiele bei der Fußball-WM vorhergesagt hat. In dem Kleingedruckten steht bereits, dass die Unsicherheit bei den großen Parteien bis zu +/-3 Prozent beträgt. Das bedeutet, jeder kann aus den Zahlen raus lesen, was er mag. Fakt bleibt: es wird eng und niemand kann mit Sicherheit voraussagen, zu welcher Seite das Zünglein ausschlägt.

Nicht anders ist es mit dem täglichen Fakten-Zahlen-Bombardement, dem die Wähler ausgesetzt sind. Alle Parteien wollen deutlich machen, dass sie den einzig richtigen Plan haben, um das Land zu führen bzw. vor dem Abgrund zu bewahren. Es entstehen die seltsamsten Berechnungen und leider werden diese oft auch unverdaut-unkritisch von den Medien übernommen. Die Sozialdemokraten wollen 30 Milliarden ausgeben und Venstre noch mal 20 Milliarden mehr. Die Sozialdemokraten wollen 40.000 neue Jobs geschafft haben; Venstre meint es seien nur 700 etc. etc. Hier den Überblick zu behalten, ist unmöglich und ein Faktencheck interessiert eigentlich niemanden. 

Wir werden die vor uns liegende Woche bis zum „Tag der Wahrheit“ noch viele Zahlen hören, die sich die Wahlkämpfer mit dem Brustton der Überzeugung an den Kopf werfen werden. Das sind die Momente, in denen man sich an den Nestor Bertel Haarder erinnern sollte.

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