Europa aus den Fugen

Erschienen auf im "Der Nordschleswiger" in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" 

„Europa hat sich nach zwei verheerenden Weltkriegen in einem Kraftakt binnen weniger Jahrzehnte zu einem Kontinent des Friedens entwickelt.“ Wem das zu pathetisch klingt, der liegt voll im Trend. Die Generation, die den letzten Weltkrieg noch bewusst miterlebt hat, ist bald nicht mehr. 
Mit dem Argument, Europa sei die Antwort auf Krieg oder Frieden, werden nur noch Sonntagsreden, aber keine konkrete Politik gestaltet. Fragen wie Wirtschaftszusammenarbeit, Währungskrisen sowie umstrittene Handelsabkommen überlagern die europäische Agenda. 

Die Kommission Juncker ist dafür das beste Beispiel. Die Prioritäten liegen im wirtschaftlichen Bereich. Das passt den meisten Regierungen in Europa gut. Auch Dänemark schaut mehrheitlich mit Abneigung auf eine immer engere politische Zusammenarbeit. Nach dem Credo: Für die Sicherung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit brauchen wir eine funktionierende Kooperation – aber ansonsten wollen wir unser Dänemark, wie wir es kennen, unseren way of life, verteidigen. Was haben wir mit Bulgaren und Portugiesen gemein? 

Das europäische Projekt schien, bei allen Schwierigkeiten, bis zur Wirtschaftskrise 2008 ein Erfolg. Das Abenteuer Euro war trotz Turbulenzen stabil. Der Plan von Bundeskanzler Kohl schien aufzugehen: Durch eine gemeinsame Währung wollte er die europäischen Länder enger aneinander binden. Sozusagen eine abgewandelte Form der „unsichtbaren Hand“ von Adam Smith sollte für die zweite Kooperationsstufe in der EU sorgen. Was lange gut funktioniert hat, steht nun, wenn man den Pathos der Einleitung dieser Kolumne fortsetzen mag, vor dem Abgrund. 

Europa taumelt und alles schaut zu. Ich meine damit nicht allein, das als TV-Unterhaltung mit Popcorn und Bier vor der Tagesschau mitverfolgte Griechenlanddrama. Auch die Sicherheitslage hat sich an unseren Grenzen massiv verändert. Mit der völkerrechtswidrigen, verbrecherischen Annexion der Krim und der kriegerischen Beteiligung im Osten der Ukraine, hat Russland den Krieg in den europäischen Vorgarten zurückgeholt. Großbritannien will Europa auf eine Handelspartnerschaft hinab stufen, begeistert beklatscht von den dänischen EU-Gegnern, mit Dansk Folkeparti an der Spitze. Der Premierminister Ungarns entwickelt sich zum Autokraten, fabuliert über die Einführung der Todesstrafe, drangsaliert alle ihn kritisierende NGO´s. Und da wäre das Massensterben im Mittelmeer, in dem Kinder, Frauen - Unschuldige - ertrinken, die auf der Flucht vor Hunger, Elend und Krieg bei uns anklopfen. Vom Klima mag schon gar niemand mehr reden, und da wäre noch der demographische Wandel, die digitale Revolution und der sich ankündigende Überwachungsstaat etc. pp. 

Ich weiß, Armageddon-Szenerien führen bei den meisten Menschen zu irritierten Abwehrreflexen. „Es gibt viel Elend auf der Welt. Doch so schlimm ist es auch nicht. Wir leben doch noch ganz passabel – Probleme hat es immer gegeben.“ Das stimmt, wir leben gut und werden das wahrscheinlich auch bis an unser Lebensende tun. Doch spätestens unsere Nachfahren könnten sich verzweifelt fragen, warum wir nicht gehandelt haben, als dies noch möglich war und dem schleichenden Verfall nicht entgegengetreten sind.

Umberto Eco hat vor einigen Wochen in der Tageszeitung „Politiken“ das aktuelle Geschehen in Europa mit dem Untergang des Römischen Reiches verglichen. Der Untergang des Imperiums kam nicht plötzlich. Die Übergangszeit war zum Teil dramatisch und mit Leid und Elend verbunden.  Europa ist nicht Rom – aber einige Parallelen sind augenfällig. Auch wir doktern an vielen Krisenherden. 

Eine Renationalisierung, ein neuer Nationalismus, überzieht den Kontinent. Doch ein solcher führt, so Umberto Eco anhand des Verweises auf das Römische Reich, in einen erst schleichenden und dann galoppierenden Niedergang.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen