Europas Minderheiten in 500 Wörtern

Der Blog ist erstmals in der Sommerserie "Europas Minderheiten" im "Der Nordschleswiger" erschienen.

In Europa leben über 300 Minderheiten. Rund 100 Millionen Menschen fühlen sich einer Minderheit zugehörig. Damit gehört jeder siebte Europäer einer Minderheit an. Das klingt im ersten Moment unglaublich. Dabei sind die präzisen Zahlen gar nicht entscheidend. Ob nun 100 Millionen oder 70 Millionen einer Minderheit angehören, macht letztendlich keinen großen Unterschied. Stutzig macht die Tatsache allein, dass es sich bei den Minderheiten, um eines der wohl am besten gehüteten Geheimnisse unseres Kontinentes handeln dürfte. Was wissen wir von den Krimtataren und Westfriesen? Was wissen die Tschuwaschen und Gotscheer Deutschen über uns? Ganz zu schweigen, von der unwissenden Mehrheit, die bereits südlich des Kanals und nördlich der Königsau einen Exkurs in die eigene Geschichte benötigt, um sich zu der Tatsache verhalten zu können, dass es eine deutsche und dänische Minderheit im Grenzland gibt; von Friesen und Sinti ganz zu schweigen. Rätoromanen, Okzitanier und Ruthenen haben da einen noch geringeren Wiederkennungswert.  
In den Sommerwochen werde ich mich auf die Spuren  dieser Minderheiten begeben. Die Serie läuft unter dem Titel „Europas Minderheiten in 500 Wörtern“. 

Um Europa zu verstehen muss man die Minderheiten kennen


In der Geschichte, der Kultur, der Sprache und dem Alltagsleben der Minderheiten zeigt sich sozusagen wie unter einem Brennglas die ganze Bandbreite unseres Kontinentes. Es kann durchaus mit Recht behauptet werden, dass man Europa erst „versteht“, wenn man dessen Minderheiten kennengelernt hat. 
Doch wer sind eigentlich „die Minderheiten“? Während wir im deutsch-dänischen Grenzland meinen, wie selbstverständlich von Minderheiten sprechen zu können, ist dies aus gesamteuropäischer Perspektive gar nicht so einfach. Grob gesprochen meine ich mit Minderheiten, die Gruppen, die eine andere Sprache, Kultur, Tradition pflegen als die Mehrheit und seit Generationen in einer Region leben. Doch zu der Frage, wer eigentlich diese europäischen Minderheiten sind, zu einem späteren Zeitpunkt dieser Sommerserie mehr.


Ist die Mehrheit daran interessiert, Minderheiten zu berücksichtigen?


Nur in wenigen Regionen Europas sind Minderheiten als eine Bereicherung wie selbstverständlich anerkannt. Ich meine nicht die verbale Anerkennung der „kulturellen und sprachlichen Vielfalt“, die wir zuhauf von Politikern erfahren. Sind wir wirklich über Sonntagsreden hinausreichend daran interessiert, die komplizierte, da oftmals emotional mit Identität und Tradition gekoppelte Wirklichkeit der Minderheiten zu berücksichtigen. Oder wären die meisten nicht froh, wenn wir uns assimilieren würden? Das würde vieles einfacher machen. 


Sprachkompetenzen werden verbissen zurückerobert


Doch Minderheiten sind bekanntermaßen nicht nur sensibel; sie sind auch stur und lassen sich nicht einfach „weg-assimilieren“: Es ist faszinierend zu beobachten, wie zum Beispiel die deutschen Minderheiten in Osteuropa, denen es lange verboten war, ihre Sprache zu nutzen, nun mit einer Verbissenheit versuchen, diese Kompetenz zurückzuerobern. Oder wie die Sorben in der Lausitz zu Folklorefestivals ihre Traditionen hochhalten und weltoffen Gäste aus der ganzen Welt zum Mitmachen einladen. Oder der friedliche Kampf der Türken in Griechenland um Anerkennung als gleichberechtigte Bürger, oder die Würde, die in der Erduldung des Schicksals der Krimtataren liegt.  Europa wäre um viele Geschichten ärmer, wenn es die Minderheiten nicht geben würde. 

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