Und es bewegt sich doch

Der Blog ist erstmals in der Sommerserie "Europas Minderheiten" im "Der Nordschleswiger" erschienen.


Frankreich galt neben Griechenland lange als der „Bösewicht“ im Minderheitenschutz Westeuropas. Die „Grand Nation“ hat das Konzept der Regional- und Minderheitensprachen nie in Einklang mit dem eigenen Selbstverständnis als homogener Nationalstaat bringen können. Jeder in Frankreich lebende und geborene Bürger ist ein Franzose. Punkt. Dass die Okzitanier (rund 3 Millionen Menschen), die deutschen Elsässer und Lothringer, die Bretonen, Katalanen, Korsen und Basken, Flamen und Frankoprovenzalen – mit gemeinsam über fünf Millionen Angehörigen – das anders sehen, hat die politische Elite in Frankreich nie geschert. 

Languages of France: Wikipedia


Die Regionalsprachen in Frankreich haben das Europäische Bureau for lesser used languages (EBLUL) mitgegründeten und mit Unterstützung der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament versucht, sozusagen über die europäische Hintertür die Anerkennung der Regional- und Minderheitensprachen europaweit durchzusetzen. Sehr zum Ärger von Paris. Doch man sollte nicht den Fehler begehen zu meinen, Frankreich habe generell etwas gegen den Minderheitenschutz. Ganz im Gegenteil: Frankreich war ein entscheidender Garant dafür, dass bei der EU-Osterweiterung auf tragfähige Minderheitenregelungen geachtet wurde. In Paris ist man sich der sicherheitspolitischen Bedeutung der Minderheitenfrage bewusst. Man sympathisiert sogar mit Minderheitenrechten –  nur nicht im eigenen Land!

Die Bretagne protestiert


In der Bretagne kam es jüngst zu massiven Protesten. Die historisch gewachsene Region wird im Zuge einer groß angelegten Gebietskörperschaftsreform in Frankreich zu einer neuen Großeinheit zusammengefasst. Die Bürger befürchten, dass der geringe Stellenwert des Bretonischen in einer neuen regionalen Supereinheit völlig untergehen wird (eine Befürchtung, die wir auch aus Nordschleswig kennen – Stichwort Kommunalreform). Europaweit wurde mit Petitionen und Pressearbeit gegen die Regierungsentscheidung interveniert – es fand ein Referendum statt. All dies hat nichts geholfen. Die Reform wird durchgezogen.  

Gute Nachrichten aus der Republik


Doch plötzlich und völlig unerwartet gibt es gute Nachrichten zu vermelden. Der Präsident der französischen Republik, Hollande, hat sich höchstpersönlich in den Streit um die Zukunft der Regionalsprachen eingeschaltet. Er hat seine Regierung aufgefordert, die notwendigen juristischen Schritte zu unternehmen, damit Frankreich der völkerrechtlich bindenden Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen beitreten kann. Frankreich gehört zu den wenigen Staaten, die dieses Dokument des Europarates bis heute weder gezeichnet noch ratifiziert haben. Diese präsidiale Meldung hat die Regionalsprachen in Frankreich und die europäischen Minderheitenvertreter in Aufregung versetzt. Ist das etwa der Durchbruch? Sollte Frankreich der Sprachencharta beitreten, bedeutet das eine 180-Grad-Kurswende in der Minderheitenpolitik. Auch auf europäischer Ebene könnte das für das Lobbying der Minderheiten eine positive Auswirkung haben. Man stelle sich vor, Deutschland und Frankreich gemeinsam – Seite an Seite – für die Stärkung der Minderheitenrechte in Europa. 



Doch die Aktivisten in Frankreich und Europa, die seit Jahrzehnten einen zähen und zum Teil demotivierenden politischen Kampf für die Anerkennung der Sprachenvielfalt gekämpft haben, bleiben skeptisch. Denn wenngleich dem Präsidentenwort in Frankreich besonderes Gewicht zukommt, muss auch das Parlament mit 3/5-Mehrheit einer Anerkennung zustimmen. Und wie es eine EBLUL-Vertreter aus Frankreich formulierte: „Die Abneigung uns gegenüber verschwindet ja nicht über Nacht“.

Aber man darf hoffen - Frankreich: Es bewegt sich doch.

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