Wohin bewegt sich Südtirol? Zwischen Autonomie und Separatismus


Der Landtag in Südtirol hat vor einigen Monaten über die Forderung nach einem „Selbstbestimmungsreferendum“ in dem nördlichen, mehrheitlich deutschsprachigen Landesteil von Italien diskutiert. Die Abgeordneten der Süd-Tiroler Freiheit wollten die Landesregierung, mit Landeshauptmann (Ministerpräsident) Arno Kompatscher an der Spitze, sozusagen per Antrag dazu auffordern, in Rom das „völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstbestimmung“ für Südtirol geltend zu machen. Die Südtiroler sollen, so die Forderung, in einem Referendum über eine Abspaltung von Italien abstimmen. Der Antrag der Süd-Tiroler Freiheit, die sich in ihrer Selbstbeschreibung als „liberal-patriotisch“ einordnet, wurde mehrheitlich abgelehnt. 

Schottland, Katalonien und was ist mit Südtirol


Das Referendum in Schottland, das zwar knapp gescheitert ist, sowie der Wunsch der Katalanen, eine Abstimmung über eine Unabhängigkeit von Spanien abhalten zu dürfen, hat den Druck auf die Südtiroler Volkspartei (SVP), die große Sammel- und Regierungspartei der Südtiroler verstärkt. Bislang fehlt es der Regierung und dem politischen Establishment im Spagat zwischen Autonomie und Separatismus an überzeugenden Antworten. Die plakative Botschaft eines unabhängigen Südtirols findet in weiten Teilen der Bevölkerung Rückhalt, vor allem in der jungen Generation. Die Südtiroler sind mit der Politik in Rom unzufrieden und sich dabei sicher, dass man ohne das „Diktat aus Rom“ noch besser dastehen würde. Eine Identifikation mit dem Gesamtstaat Italien ist unter den deutschsprachigen Südtirolern nur schwach ausgeprägt. 

Südtirol eine Erfolgsgeschichte


Es ist Südtirol gelungen, sich in den letzten Jahrzehnten von einem bäuerlich geprägten, strukturschwachen Gebiet zu einer der wohlhabendsten  Regionen Europas zu entwickeln. Darauf ist man stolz und ärgert sich, dass Rom einen Großteil dieser Entwicklung „abschöpft“. 
In Südtirol leben rund 63 Prozent Deutschsprachige und 23 Prozent Italienischsprachige. Die Ladiner machen rund 4 Prozent der Bevölkerung aus. Die Bewohner Südtirols müssen sich zu ihrer sprachlichen Identität bekennen. Auf Grundlage der Aufteilung der Sprachgruppen herrscht in vielen Bereichen des politischen und gesellschaftlichen Lebens ein ausgeklügeltes Proporzsystem. Zum Beispiel wird der öffentliche Wohnungsbau nach dem Sprachproporz an die jeweiligen Volksgruppen vergeben.

Das Autonomiestatut, das die weitgehende Selbstverwaltung Südtirols regelt, gilt als vorbildlich in Europa. Die Südtiroler Autonomie wurde durch den legendären Landesvater Silvio Magnago (1914-2010) gegen große innere und äußere Widerstände (Bombenanschläge und Folterungen in den Gefängnissen) ermöglicht. Sein Nachfolger, Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder, hat mit politischem Geschick die Autonomieregelungen in 25 Jahren an der Spitze Südtirols weiter vertieft. Seinem Nachfolger Arno Kompatscher obliegt nun die große Herausforderung, das Erreichte zu bewahren und dem Wunsch der Bevölkerung entsprechend weiter auszubauen.  


Auf das Recht zur Selbstbestimmung pochen im Grunde alle Politiker – von der SVP bis zu den erklärten Separatisten von der Süd-Tiroler Freiheit.  SVP-Vorsitzender Philipp Achhammer betont, ein unabhängiges Südtirol sei jedoch politisch nicht realistisch und würde in der Bevölkerung nur Hoffnungen wecken, die nicht umsetzbar seien. Im Gegensatz zu Schottland (5,3 Millionen) und Katalonien (7,5 Millionen) sei Südtirol mit 515.000 Einwohnern recht klein. In Südtirol werden laufend alternative Optionen geprüft. Die „Wiedervereinigung“ mit Nordtirol und dem Beitritt zu Österreich ist politisch unrealistisch. Interessant ist der kürzlich geäußerte Vorschlag, Südtirol solle der Schweiz beitreten und die Aufnahme als 27. Kanton der Alpen-Föderation beantragen. Wobei dies wohl ebenfalls eher ein politisches Hirngespinst bleiben wird. Landeshauptmann Kompatscher verhandelt derweil mit Rom laufend über einen Ausbau der Autonomie. Doch mit zusätzlichen Steuereinnahmen und kleineren Justierungen hier und da wird er die wachsende Unabhängigkeitsstimmung in seiner Bevölkerung wohl kaum beschwichtigen können.

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