Zweisprachige Ortsschilder und die Kärntner Urangst

Der Blog ist erstmals in der Sommerserie "Europas Minderheiten" im "Der Nordschleswiger" erschienen.
Als in Nordschleswig die Diskussion über die zweisprachigen Ortsschilder kochte – das Haderslev/ Hadersleben-Schild war gerade in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem Boden gerissen – drängte sich eine Parallele zu Kärnten auf. Zum in Kärnten sprichwörtlich gewordenen Ortstafelstreit. 

Doch Nordschleswig ist bei näherem Hinsehen nicht mit Kärnten zu vergleichen. Erinnern wir uns an den Ortstafelsturm im Herbst 1972. Wie im österreichischen Staatsvertrag von 1955 vorgesehen, waren zweisprachige deutsche und slowenische Ortstafeln in Kärnten aufgestellt worden. Am 9. Oktober, in den Abendstunden, zieht der sprichwörtliche Sturm auf. Etliche Personen fahren zur Demontage der Schilder aus. 300 Autos werden gezählt. Die zweisprachigen Schilder werden aus dem Boden gerissen. Die Tafeln werden vor der Landesregierung abgeladen. Rund 100 Personen fahren zur Wohnung des Landeshauptmannes (Ministerpräsident) Sima und singen dort bis in die Frühe Kärntner (deutsche) Heimatlieder.

Seit 2011 gilt der "Ortstafelkompromiss"


Erst 2011 wurde ein politischer Ortstafelkompromiss geschlossen, der bis auf unterschwellige Konflikte die Frage gelöst zu haben scheint. In den Jahrzehnten dazwischen wurde verbissen um die Ortsschilder gekämpft. Der Österreichische Verfassungsgerichtshof gab den Slowenen mehrmals in höchstrichterlichen Entscheidungen recht; doch nicht zuletzt Landeshauptmann Haider scherte sich wenig um die Verfassungsrechte. 

Kärnten ist ein Beispiel dafür, wie verbissen der Kampf zwischen Volksgruppen geführt werden kann. Gewiss, die Geschichte ist belastet und es gab reichlich Grund für Misstrauen auf beiden Seiten; doch diese Unversöhnlichkeit macht sprachlos, wenngleich sich die Situation in den letzten Jahren zu bessern scheint. Man spricht in der Psychologie, die sich mit dem Thema beschäftigt hat, von der „Kärntner Urangst“.

Ortsschilder heute

Die Geschichte spielt  in dem Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit eine große Rolle. Dabei zeigen sich Parallelen mit Nordschleswig. Nach dem ersten Weltkrieg  fand 1920 eine Volksabstimmung statt. Das Grenzgebiet Südkärntens, in dem die slowenischsprachige Volksgruppe etwa 70 Prozent  der Gesamtbevölkerung ausmachte, stimmten dennoch 59,04 Prozent für  Österreich. Seitdem hat eine rasante Assimilierung eingesetzt, und die Kärntner Slowenen sind heute deutlich in der Minderheit. 



Im zweiten Weltkrieg schlossen sich Kärntner Slowenen Titos Truppen an – und begaben sich in den Partisanenkrieg gegen die Nationalsozialisten. Es gab Massaker auf beiden Seiten. Der Krieg hinterließ Wunden, die Generationen überdauerten. 

Nach dem Krieg wurde 1955 – eine Parallele zu unseren Bonn-Kopenhagener Erklärungen – ein Staatsvertrag für die Volksgruppen in Wien unterzeichnet, in dem die Rechte der Minderheiten festgeschrieben wurden. Die Nichteinhaltung des Staatsvertrags wurde immer wieder zum Gegenstand der Kritik. 

Die Kärntner Slowenen sind nicht die einzigen Minderheiten Österreichs. Es gibt darüber hinaus die Burgenländischen Kroaten, Ungarn, Tschechen, die Burgenländischen Roma und Sinti sowie die Slowaken.

Volksgruppenbeirat in Wien koordiniert Interessen


Die Volksgruppen Österreichs haben sich in einem Volksgruppenbeirat zusammengeschlossen, der in Wien das Volksgruppenzentrum betreibt. (Anmerkung: Der Begriff Volksgruppe wird von Mehrheit und Minderheit genutzt; die Anwendung der Begrifflichkeit „Minderheit“ kommt nicht vor).
Die Solidarität zwischen den Volksgruppen wächst, und man koordiniert das politische Vorgehen. Derzeit streitet man sich mit der Bundesregierung in Wien. Man fordert eine Novellierung des Volksgruppengesetzes in Österreich. Vor allem im Schulbereich und in der finanziellen Förderung bestehen große Herausforderungen. Die Ortstafeln der Kärntner scheinen   – endlich –  etwas in den Hintergrund zu treten. 

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