Das Sommerloch: Was geschieht, wenn nichts passiert?

Erschienen auf im "Der Nordschleswiger" in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen"

Jeder Sommer – ob nun mit Sonnenschein oder Regen – bietet das von Journalisten und Politiker gleichermaßen gefürchtete Sommerloch. In Dänemark vor allem im Juli und Anfang August anzutreffen, in Deutschland etwas zeitversetzt, da die Sommerferien später anfangen. Alle gehen in den Urlaub und die Nachrichtenredaktionen blicken jeden Morgen verzweifelt auf den Ticker und ins Internet. Worüber sollen wir berichten, wenn sich alle in der Sommerfrische befinden und der politische Betrieb zum Erliegen kommt? 

Allein im Sommerloch – in Mangel von harten Politikthemen – kann man Leitartikel, wie den am Sonnabend in der Tageszeitung „Politiken“ lesen: 
Dort wurde folgendes beliebte Sommerlochthema aufgewärmt: „Dänische Sommerhäuser allein für Dänen!“   Der Chefredakteur höchstpersönlich argumentiert dafür, dass die dänischen Sommerhäuser weiterhin allein für Dänen zu haben sein sollen. Diese seien schließlich das wohlverdiente „Glück des kleinen Mannes“ im Königreich und sollten daher nicht von reichen Deutschen oder Norwegern aufgekauft werden können.Die sonst so auf Gerechtigkeit achtende Zeitung, sieht in der Tatsache, dass Dänen überall in Europa fleißig Immobilien erwerben dürfen, ihre europäischen Nachbarn aber nicht in Dänemark, nur einen unbedeutenden „Nebenwiderspruch“. Dem Chefredakteur von „Politiken“ könnte man passend eine weitere Sommerlochgeschichte ans Herz legen.  Ein Reporter vom Rådhuspladsen in Kopenhagen könnte nach Berlin zum Prenzlauer Berg geschickt werden und dort die wenigen verbliebenen Einheimischen fragen, was sie von den Dänen halten, die derzeit den gesamten Prenzlauer Berg mit ihren skandinavischen Millionen aufkaufen und sämtliche Preise verderben. Das schreit – Sommerloch hin oder her – nach Doppelmoral. 

Das Sommerloch ist für Politiker äußerst gefährlich. Wer einmal in den Abgrund des politischen Monsters geblickt hat, der vergisst das so schnell nicht wieder.  Torsten Albig, Ministerpräsident aus Schleswig-Holstein, hat am eigenen Leibe erfahren, wie unbarmherzig das Sommerloch sein kann. 
Mit seiner Äußerung in einem Interview mit dem NDR, dass die Bundes-SPD sich überlegen solle, 2017 im Wahlkampf gegen Angela Merkel einen eigenen Kandidaten aufzubieten, da man sowieso keine Chance auf einen Sieg habe und die Kanzlerin es ganz nebenbei recht gut mache, hat Albig für ein Sommerloch-Skandälchen gesorgt.  Zu jeder anderen Jahreszeit hätten die bundesweiten Gazetten, wenn überhaupt, kurz ironisch darüber berichtet, was der Ministerpräsident von der Küste so meint. Doch in der nachrichtenarmen Zeit fand sich Torsten Albig nicht nur im Kreuzfeuer der eigenen Genossen, die sich von seinem politischen Defätismus entsetzt zeigten, sondern jede Zeitung in der Bundesrepublik verbreitete die kernige Aussage.

Auf dänischer Seite hat sich Carl Holst – zumindest in Nordschleswig – unfreiwillig die Oberhoheit über das Sommerloch erkämpft. Der ehemalige Regionsratsvorsitzende hat Anspruch auf eine Pensionszahlung in Höhe von 830.000 Kronen. Dabei geht der Venstre-Politiker nicht in Rente, sondern ist sozusagen als dänischer Verteidigungsminister in der politischen Hierarchie aufgestiegen. Doch an der Zahlung der Pension hält Holst fest; juristisch völlig korrekt, aber moralisch für viele Wähler verwerflich. 

Die  Rentenzahlung hat die Gemüter trotz kühler Temperaturen gewaltig erhitzt und den dänischen Medien und den sog. sozialen Medien ein beinah ideales Sommerlochthema beschert.
Doch Erlösung ist in Sicht: In Kopenhagen haben die ersten Abgeordneten ihre Büros bezogen – der Beamtenapparat schreitet braun gebrannt an die Schreibtische und das politische Kopenhagen erwacht, pünktlich zu den sommerlichen Temperaturen. 

Endlich!

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