Finnlandschweden: Mehr als Mummintrolle



Die Frankfurter Buchmesse hat im Oktober vergangenen Jahres Finnland als Gastland in den literarischen Mittelpunkt gerückt. Eine gute Gelegenheit für die schwedisch-sprachige Bevölkerung des Landes, sich vorzustellen. Die Finnlandschweden haben rund 300.000 Angehörige, die sich nicht als Minderheit, sondern als Finnen mit schwedischer Muttersprache verstehen. Die schwedisch-sprachigen Kulturschaffenden gehören zu den produktivsten und angesehensten in Finnland. Der Medien-Star bei der Buchmesse war jedoch die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen, die mit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement und flamboyanten Auftreten für Aufsehen sorgte. Künstlerisch steht die mit „Asphalt-Engel“ von der Kritik gefeierte schwedisch-sprachige Autorin Johanna Holmström dem Buchmesse-Star in nichts nach. Die Finnlandschweden haben viele bekannte Autoren, Künstler und Geistesgrößen hervorgebracht: Die weltbekannten Mummitrolle stammen aus der Feder der finnlandschwedischen Schriftstellerin und Malerin Tove Jansson. Doch kulturbeflissene Finnlandschweden reagieren leicht pikiert, wenn man es wagen sollte, sie allein kulturell auf die Mummitrolle zu reduzieren: Jean Sibelius, finnlandschwedischer Komponist von u. a. Finlandia und sieben Sinfonien hat Weltrang, und Johan Ludvig Runeberg, Schriftsteller und Poet, gilt als Nationaldichter Finnlands.

Wer sind die Finnlandschweden


Doch wer sind die Finnlandschweden? Im 13. und 14. Jahrhundert wanderten aus dem Westen zahlreiche Menschen nach Finnland ein. Schwedisch wurde vor allem auf den Åland-Inseln bereits vor dieser Einwanderung gesprochen. Die schwedisch-sprachigen Zuwanderer ließen sich in mehr oder weniger unbesiedelten Küstengebieten nieder. Aus diesen Wanderbewegungen aus Schweden ist die als Finnlandschweden bekannte Gruppe gewachsen. Die Finnlandschweden bewohnen heute neben den Ålandinseln den Küstenstreifen entlang des Österbottens sowie die Südküste. Darüber hinaus gibt es schwedische Minderheiten in einigen finnischsprachigen Städten. Die Finnlandschweden machen zwischen 5 und 6 Prozent der finnischen Bevölkerung aus.
Im Grundgesetz Finnlands wird festgelegt, dass die Nationalsprachen Finnisch und Schwedisch sind. Jeder hat das Recht, sich in seiner eigenen Sprache zu bewegen. Es obliegt dem Staat, für die kulturellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der finnisch- und schwedisch-sprachigen Bevölkerungsteile gleichermaßen und ohne Unterscheidung zu sorgen.

Vorbild für die Ukraine?


Der Ausgleich zwischen den zwei Sprachen des Landes wird zu Recht exemplarisch genannt. Finnland ist sicher noch viel mehr als Südtirol ein Modell, das man hinzuziehen sollte, wenn die Zukunft der Ukraine – hoffentlich nach einer baldigen Beendigung der noch immer schwelenden Kampfhandlungen – verhandelt werden wird. Für das sprachlich umkämpfte Donezk-Becken im Osten der Ukraine gibt es mit Blick auf Finnland durchaus Ansatzpunkte, die zur Inspiration einer nachhaltigen Konfliktlösung dienen könnten.



Doch es gibt – wie könnte es anders sein – in Finnland auch große Herausforderungen. Seit dem Zweiten Weltkrieg nimmt die Anzahl der Schwedisch-Sprecher langsam aber kontinuierlich ab. Und bei einigen Finnen  hat die schwedische Sprache keinen besonders guten Ruf. Das liegt daran, dass Schwedisch nicht freiwillig, sondern im Gymnasium als „Zwang“ von allen Finnen muttersprachlich erlernt werden muss. So manchem finnischen Jugendlichen hat diese hohe sprachliche Hürde das Abitur zerschlagen. In einigen Gebieten wäre es sicher angebrachter, Russisch zu lernen, was zum Teil kontrovers diskutiert wird. Die fehlende Anerkennung des russischsprachigen Bevölkerungsanteils, der sich aus einer Mischung von eingewanderten Russen und der kleinen alteingesessenen russischen Minderheit des Landes zusammensetzt, sowie die schwierigen Lebensbedingungen der Urbevölkerung des Nordens, der Samen, werden vom Europarat immer wieder kritisch hervorgehoben.

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