Mazedonien eine Miniversion des Balkans: 22 Tote in der Grenzstadt Kumanovo



Der Blog ist erstmals in der Sommerserie "Europas Minderheiten" im "Der Nordschleswiger" erschienen.

Im Mai, vor zwei Monaten, starben bei einem Schusswechsel in der zweitgrößten mazedonischen Stadt Kumanovo 22 Menschen. Einiges erinnerte an den mittlerweile als „Albanischer Aufstand“ kategorisierten Beinah-Bürgerkrieg zwischen Albanern und Mazedoniern im Jahr 2001. Doch was ist eigentlich los in diesem kleinen Balkanstaat? Stehen wir kurz vor dem Ausbruch neuer ethnischer Konflikte? Der Balkan ist bei den dramatischen Entwicklungen in der Ukraine und dem Griechenland-beinah-Bankrott aus dem Suchscheinwerfer der Medien fast völlig verdrängt. Das ist bedenklich, denn der Balkan bleibt das berühmt-berüchtigte Pulverfass in Europa. 

Mazedonien ist ein kleines Land mit nur rund zwei Millionen Einwohnern. Dennoch ist die politische Entwicklung von zentraler Bedeutung für die Zukunft und die Sicherheit der gesamten Balkanregion. Konflikte in Mazedonien haben zwangsläufig auch Auswirkungen auf die Nachbarstaaten Albanien, Serbien und Kosovo. In Mazedonien spiegeln sich sozusagen die Probleme des Balkans en miniature.
Der Aufstand 2001 begann mit dem Angriff der albanischen paramilitärischen Organisation UÇK auf eine Polizeistation in Tearce. Der Konflikt forderte einige Dutzend Opfer auf beiden Seiten. Die Konfliktparteien wurden unter Aufsicht der EU und USA an den Verhandlungstisch gedrängt, was zur Unterzeichnung des Rahmenabkommens von Ohrid mit mehr politischen Rechten für die albanische Minderheit führte.



Am 9. Mai 2015 starben bei einem Schusswechsel in der zweitgrößten mazedonischen Stadt Kumanovo 22 Menschen. Die ersten Reaktionen vermuteten einen „ethnisch motivierten Zwischenfall“. Nicht zuletzt, weil Premierminister Gruevski kurz nach der Tat „albanische Terroristen“ für die Bluttat verantwortlich machte. Eine Parallele zu den Geschehnissen aus dem Jahr 2001. 


Konstante: Nichts ist in der Balkanpolitik, wie es scheint


Es ist eine Konstante der Balkanpolitik, dass meist nichts ist, wie es scheint. Die Ursache für die Gewalt – das meinen derzeit die meisten Beobachter – hat ganz andere Hintergründe, die in Richtung der organisierten Kriminalität weisen. Aber auch das bleiben bislang nur Vermutungen.
Mazedonien befindet sich zweifellos in einer tiefen politischen und gesellschaftlichen Krise. Nach den Bluttaten demonstrieren mehrere Zehntausend Bürger in der Hauptstadt Skopje gegen den amtierenden Premierminister Gruevski. Ermunternd dabei ist die Tatsache, dass Albaner und Mazedonier vereint gegen ihre unfähige Regierung demonstrierten. Hintergrund ist eine seit Monaten schwelende Affäre:

Dem Oppositionsführer waren mehr als 600.000 abgehörte Telefonate zugespielt worden, die ein massives Ausspähen von Regierungsgegnern dokumentieren. Viele Mitschnitte strotzen vor Machtarroganz, Gewalt und Korruption. Der Abhörskandal hat im ersten Moment nicht wirklich für Aufruhr in dem an staatliche Korruption gewöhnten Land gesorgt. Als jedoch ruchbar wurde, dass die Regierung versucht habe zu vertuschen, dass ein junger Student von Polizisten zu Tode geprügelt worden war, regte sich massiver Protest.


Gefährliches Spiel - Minderheitenkarte


Die Partei der albanischen Minderheit ist als Koalitionspartner an der Regierung beteiligt und – so Kenner des Landes – nicht weniger korrupt als die Partei des Regierungschefs.
Wenngleich die ethnischen Spannungen im aktuellen Krisenszenario keine auslösende Rolle gespielt haben sollten, können nationale Reflexe schnell wachgerufen oder instrumentalisiert werden. Der mazedonische Regierungschef hat mit seiner Festlegung auf „albanische Terroristen“ als Täter die ethnische Karte gespielt. Auf dem Balkan ein gefährliches Spiel.

Neben den Albanern, die mit 25 Prozent der Bevölkerung die größte Minderheit ausmachen, gibt es noch die Türken, Roma, Serben, Aromunen/Lachen und Bosniaken. Insgesamt 35 Prozent der mazedonischen Bevölkerung fühlen sich einer Minderheit zugehörig.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen