Russlanddeutsche warten bis heute auf ihre Rehabilitierung

Foto: Bundesarchiv / Wikipedia - Russlanddeutsche auf der Flucht

Vladimir Putin sorgte vor rund einem Jahr für viel Aufregung, als er ein Dekret zur „Rehabilitierung der Krimtataren, Russlanddeutschen, Bulgaren, Armenier und Griechen verkündete. In dem Dekret wird die rechtswidrige Vertreibung der Nationalitäten der Krim im Jahre 1941 thematisiert. Für einige Tage schien das Undenkbare möglich: Der russische Präsident könnte endlich das unsägliche Leid der Deportationen in der Sowjetunion anerkennen, dem Tausende von Menschen zum Opfer gefallen sind.

Das Dekret beschränkte sich jedoch allein auf das Gebiet der erst kürzlich durch Russland annektierten Krim. Von einer generellen Rehabilitierung war nichts zu hören. Heute, ein Jahr später, deutet nichts darauf hin, dass sich die russische Regierung mit diesem dunklen Kapitel der Sowjet-Geschichte ernsthaft auseinandersetzen würde.

Die Vertreibung der Russlanddeutschen nahm am 28. August 1941 durch den Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR – „Über die Umsiedlung der in den Wolga-Gebieten lebenden Deutschen“ – seinen Anlauf. Die Russlanddeutschen wurden nach dem verbrecherischen Überfall Deutschlands auf Russland der Unterstützung und Kollaboration mit den feindlichen Truppen verdächtigt. Damals existierte eine Selbstverwaltung der Wolgadeutschen in der „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“.

Die Leidensgeschichte der Russlanddeutschen ist vielen Deutschen heute unbekannt. Innerhalb weniger Wochen wurde über eine Million Russlanddeutsche aus den europäischen Teilen der Sowjetunion umgesiedelt – überwiegend nach Sibirien und Kasachstan aber auch nach Usbekistan und Kirgisistan – wo es heute noch deutsche Minderheiten gibt. Geschätzte 300.000 Menschen verloren während der Deportation und wegen der katastrophalen Bedingungen an ihren neuen Wohnorten ihr Leben.  Nach Schätzungen leben heute rund 800.000 Russlanddeutsche in Russland.
Es gibt einige Vertreter der Russlanddeutschen, die sich dafür einsetzen, die Wolgarepublik neu zu beleben und die in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion verstreut lebenden Nachkommen der Deportierten zurückzurufen.  Diese Idee einer Neugründung der Wolgarepublik wurde Anfang der 90er Jahre kurzzeitig ernsthaft zwischen Russland und der Bundesrepublik diskutiert; heute gilt dies als politisch naive Utopie. Die Russlanddeutschen, die durch die Deportationen im ganzen Land verteilt leben, können die Pflege und Bewahrung der nationalen Eigenart, Kultur, und Sprache nur unter erheblich erschwerten Bedingungen organisieren. Der russlanddeutsche Historiker Dr. Viktor Krieger erklärte im Deutschlandfunk: „Im heutigen Russland gibt es kein einziges deutsches Theater, keine einzige Zeitschrift der Russlanddeutschen und auch kein staatliches Museum für Geschichte und Kultur. Es gibt bloß ein paar Expositionen über einzelne Abschnitte in der Geschichte der Russlanddeutschen in den Museen von Omsk und Saratow. Solche Sachen sind für nationale Minderheiten, die über den Autonomie-Status verfügen, in Russland selbstverständlich. Für Russlanddeutsche bleiben sie weiterhin ein unerreichbarer Traum.“

Neben der Unkenntnis über dieses dramatische Schicksal der Russlanddeutschen in Deutschland setzt sich die Tragödie noch heute fort. Seitdem die Ausreise nach Deutschland möglich ist, haben im Zeitraum von 1990 bis 2011 zweieinhalb Millionen Menschen aus Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion das Land verlassen. Viele dieser sogenannten Spätaussiedler freuen sich, „nach Hause“ zu kommen, nur um dort feststellen zu müssen, dass sie unerwünscht sind.

Die Behandlung der Spätaussiedler in Deutschland ist oftmals beschämend. In Russland als „die Deutschen“ angesehen und nun in Deutschland als „die Russen“ stigmatisiert, setzt sich in nicht wenigen Fällen eine traurige Geschichte fort.

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