Serbien blickt in die EU – Roma flüchten in den Westen


Fußball weckt Emotionen. Auf dem Balkan bringt der Ballsport auch nationalpolitische Gefühle in Wallung. Während des Qualifikationsspiels zur Europameisterschaft kreiste im vergangenen Jahr eine Drohne mit einer albanischen Flagge über dem Stadion in Belgrad. Ausgetragen wurde ein Qualifikationsspiel zwischen Albanien und Serbien. Eine Provokation, die zu einer Schlägerei unter den Spielern führte. Einige Fans stürmten den Rasen, und der Schiedsrichter brach das Spiel ab. Es kam in Belgrad zu tumultartigen Ausschreitungen. Die Provokation war kindisch, aber erschreckend waren vor allem die gewaltsamen Reaktionen im Anschluss an das Spiel. Von Annäherung zwischen Serben und Albanern war da nichts zu verspüren. Wer vermutet haben sollte, dass am Tag darauf in den Medien oder den Kommentaren der maßgeblichen Politiker von Versöhnung und Gelassenheit die Rede sein würde, der sah sich getäuscht.  

Dabei versucht Serbien, sich Schritt für Schritt der EU anzunähern. Nach der politischen Isolation Russlands, das als „historischer Verbündeter“ Serbiens gilt, scheint eine Annäherung an den Westen die einzige realpolitische Option für das wirtschaftlich arg gebeutelte Land. Serbien stellte 2009 den Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Die Verhandlungen begannen im Januar vergangenen Jahres. Der serbische Regierungschef Ivica Dacic sprach  von einer „neuen Ära“. Ziel sei es, bis 2020 Mitglied in der Europäischen Union zu werden. 

Der Außenminister Deutschlands, Frank Walter Steinmeier, reiste im Mai 2015 zu Gesprächen nach Serbien. Die anfängliche EU-Euphorie ist in Serbien merklich abgekühlt. Das liegt auch an der demonstrativen Abneigung der EU, sich auf weitere Erweiterungsprozesse einlassen zu wollen. Steinmeier lobte die Bemühungen der Serben, sich den Standards der EU anzupassen. Deutschland übernimmt im kommenden Jahr den Vorsitz der OSZE und hat bereits angekündigt, dem Schutz der Minderheiten eine hohe Priorität einzuräumen. Serbien hat in diesem Bereich – trotz eines auf dem Papier sich gut ausmalenden juristischen Schutzes – noch große Herausforderungen zu meistern.  
In Serbien spuckt das Gespenst des Irredentismus, die Angst vor dem Verlust von Territorien und Bevölkerung auf Grund von Separatismus oder Ansprüchen benachbarter Länder. Die Unabhängigkeit des Kosovo ist für viele ein nationalpolitischer Alptraum und eine Schmach. Die Minderheiten und vor allem die Zukunft der multiethnischen Vojvodina bereiten vielen Serben große Sorgen. Es geht die Angst um, dass die Vojvodina es dem Kosovo gleichmachen könnte und den Weg des Separatismus einschlägt.  Die Vojvodina ist seit Jahrhunderten durch ein buntes Völkergemisch geprägt – vor allem aus Serben, Ungarn, Slowaken, Kroaten, Rumänen, Roma, Bunjewatzen und Schokatzen bestehend. Früher lebten auch einige Hunderttausend Deutsche in der Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils vertrieben wurden. 

Laut staatlicher Angaben leben in Serbien etwa 108.000 Roma. Inoffiziell wird ihre Zahl auf 500.000 Personen geschätzt. Die Roma leben unter unerträglichen Bedingungen und sind täglich der Gefahr von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. Zahlreiche Roma flüchten in die EU und stellen einen Asylantrag. Sie erhalten in der Regel keine Aufenthaltsgenehmigung und werden abgeschoben. Nicht selten schlagen die Abgewiesenen kurz darauf erneut den Weg Richtung Westen ein. Allein aus diesem Grund ist der Minderheitenschutz in Serbien ein gesamteuropäisches Anliegen. Solange die Bedingungen für die Roma in Serbien (und anderenorts) nicht verbessert werden, so lange werden sich die Menschen aufmachen, um im europäischen Ausland ein besseres Leben zu suchen.

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