Roma: Bildung ist nicht die Lösung oder die Überlebensstrategien des Slums


Es gibt kein Mangel an wohlmeinenden, manchmal sehr paternalistisch daherkommenden Äußerungen über „die Roma“ in Europa. Es wird gerne von „Verständigung auf Augenhöhe“, über „kulturelle Toleranz“ und „Einheit in Vielfalt“ weitschweifig geredet. Doch diese Minderheiten-Wohlfühlrethorik verkennt die enormen Probleme und ist eher ein Symbol der eigenen Hilflosigkeit durch Floskeln verschleiert. 

Europa steht vor einem enormen Problem und hat keine Lösung. 

Roma in Europa - Bezeichnung und ihre Hintergründe 

Roma - Dekade gescheitert - was nun?

Anschaulich auf den Punkt bringt es Norbert Mappes-Niediek in der Frankfurter Rundschau. 

Nachlesen lohnt sich. Hier ein Auszug:


Bildung, Bildung, Bildung, pflegen wohlmeinende Politiker stets zu sagen, wenn sie einen Ausweg aus der Misere weisen sollen. Bildung sei der Schlüssel, heißt es in den einschlägigen Papieren der EU-Kommission, des Europa-Parlaments und des Europarats. An der Botschaft ist natürlich nichts auszusetzen – außer, dass sie nicht stimmt. 
Bildung ist nicht der Schlüssel oder zumindest nicht dort, wo die Armutszuwanderer herkommen. Überall in Ost- und Südosteuropa ist der Zusammenhang zwischen Bildung und gutem Leben zerrissen, und zwar für alle, nicht nur für Roma. Eine ganze Generation hat die Erfahrung gemacht, dass Bildung es eben nicht bringt. Sie haben es an ihren Eltern gesehen. Der Vater war Ingenieur, die Mutter Russisch-Lehrerin. Heute geht die Mutter putzen, und der Vater säuft – aber der Nachbarsjunge, der die Schule abgebrochen hat, um finsteren Geschäften nachzugehen, fährt heute mit einem Porsche Cayenne durchs Viertel. 
Wer in einem südosteuropäischen Elendsviertel lebt und dort vielleicht schon groß geworden ist, verhält sich am besten so, wie Slumbewohner das auf der ganzen Welt aus guten Gründen tun: Er setzt sich seine Existenz wie aus einem Flickenteppich zusammen. Man verrichtet Gelegenheitsjobs, sammelt Eisen oder Flaschen, treibt ein wenig Handel, beantragt Transferleistungen, wenn es so etwas gibt. Reicht das nicht aus, kommen vielleicht auch Betteln, Prostitution und kleine Diebereien hinzu. 
Das Grundgesetz des Überlebens im Slum lautet: Nie alles auf eine Karte setzen! Ein Arbeitsplatz, eine Lohnersatzleistung – das sind flüchtige Versprechen. Man nimmt sie mit, wenn man kann. Aber es wäre viel zu gefährlich, wegen eines Arbeitsplatzes oder wegen Hartz IV den Wohnort zu wechseln. Der Job oder die Leistung sind schnell weg, und dann steht man wieder vor dem Nichts. Alle hier haben die Erfahrung schon gemacht: Nie das Netzwerk aufgeben, nie sich vereinzeln lassen! Wenn es ernst wird, helfen mir kein Staat und kein Arbeitgeber, nur die Familie tut es und vielleicht die engsten Freunde. 
Die Armutszuwanderer aus Rumänien und Bulgarien kommen nicht wegen Sozialleistungen nach Deutschland, sondern weil man hier einfach besser lebt. Sie kommen mit der Familie und mit den engsten Freunden. Sicherheitshalber setzen sie ihre Existenz auch hier Stück um Stück zusammen. Erst wenn es ihnen besser geht, können sie es wagen, diese Überlebensweise aufzugeben.

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