Polemik hilft in Minderheitenangelegenheiten wenig

Der EFA-Generalsekretär Günter Dauwen ist beleidigt. Die Generalversammlung der European Free Alliance (EFA), die kürzlich in der Lausitz stattfand, hat nicht die Aufmerksamkeit von dem Dachverband der Sorben - Domowina - erhalten, den er sich erwünscht hätte. In einem offenen Brief richtete er sich nun an alle und jeden den es interessieren mag oder auch nicht und „taggt“ / verlinkt dabei in den sozialen Medien auch ungefragt Nichtunterzeichner des Briefes (unter anderem mich). Das ist kein besonders souveräner Stil. Darüber hinaus werde ich in dem Schreiben namentlich zitiert. Daher erlaube ich mir auch eine kleine private Replik.

Polemiken sind in internen Angelegenheiten der Minderheiten meist keine kluge Entscheidung. Interne Probleme kennen alle Minderheiten. Das liegt sozusagen in der DNA der Minderheitenarbeit. Daher ist die Form eines „Offenen, polemischen Briefes“ eine gewagte Vorgehensweise, da man sich in Interna begibt, die man gar nicht durchschauen kann. 

Die Domowina ist der unbestrittene Dachverband der Lausitzer Sorben. Gegenwärtig hat die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. unter Einbeziehung aller in ihr organisierten Teilvereine rund 7.300 Mitglieder. Die Domowina ist Ansprechpartner für alle Belange der Sorben und als diese auch völlig zurecht akzeptiert und legitimiert. Die Domowina leistet gute Arbeit für die Sorben.
Die Lausitzer Allianz hat - ich bin mir hier nicht ganz sicher und lasse mich gerne korrigieren - keine 100 Mitglieder, wird als repräsentativer Vertreter der Sorben nicht anerkannt. 

Nun zu einem zugegeben sehr fiktiven Gedankenspiel: 

Eine europäische Dachorganisation der Minderheiten, die sich deutlich für die Erhaltung des Nationalstaates in Europa einsetzt, hält ihren Jahreskongress mit 150 Gleichgesinnten aus ganz Europa in Schottland ab.

Die fiktive Scottish Party (SP) teilt die Auffassung dieser fiktiven Organisation nicht; sie setzt sich bekanntlich für ein unabhängiges Schottland ein. Es gibt jedoch in Schottland auch eine kleine fiktive Splittergruppierung - ohne Bedeutung und Verankerung in der Gesellschaft - die sich gegen diese Unabhängigkeit ausspricht. Sie erhält im täglichen nicht viel Aufmerksamkeit. Doch diese Splitterpartei ist Mitglied in der oben beschriebenen Dachorganisation der Minderheiten und veranstaltet einen Kongress in Schottland. 

Natürlich stimmt die fiktive SP nicht mit den Haltungen des Dachverbandes überein - aber sieht auch keinen Anlass, sich aktiv gegen die Durchführung des Kongresses zu äußern. Es herrscht schließlich Meinungsfreiheit. 

Doch der fiktive Dachverband und vor allem seine fiktive schottische Mitgliedsorganisation fühlen sich nicht gebührend geehrt bei ihrem Auftritt in Schottland. Sie verabschieden darüber hinaus sogar eine „Schottische Resolution“, die gegen die öffentlich legitimierte Haltung der SP ausspricht. 

Im Nachgang ist die kleine Splitterpartei so wütend, dass sie in der schottischen Öffentlichkeit keine gebührende Rolle erhält, dass sie den Generalsekretär der fiktiven Dachorganisation dazu verpflichtet kann, einen „offenen, bösen Brief“ zu schreiben. Die SP schüttelt darüber verwundert den Kopf.

Aber das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment eines privaten Beobachters …. 

Wohlfühlbesuch von Angela Merkel in Kopenhagen - Minderheit mit dabei

Jan Diedrichsen, Sekretariatsleiter Kopenhagen, Angela Merkel, BDN-Vorsitzender Hinrich Jürgensen, Premierministerin Helle Thorning-Schmidt, BDN-Generalsekretär Uwe Jessen

Angela Merkel hat in Dänemark einen exzellenten Ruf. Sie gilt als Anker der Stabilität in einem umtobten Europa. Ihr ruhiger, abwartender Regierungsstil kommt in Dänemark gut an. Doch nicht nur „Über-Mutti“, wie sie in einer dänischen Zeitung ehrfurchtsvoll tituliert wurde, ist im Königreich beliebt - auch der deutsche Nachbar an sich, hat in Dänemark einen guten Stand. In einer Umfrage wurde jüngst festgehalten, dass nur 3 Prozent der Dänen ein schlechtes Bild von den Deutschen hätten; 77% dahingegen ein sehr gutes. 

Es war dementsprechend ein Heimspiel als Frau Merkel, am Dienstag, 28. April, einen Eintagesbesuch in Dänemark absolvierte. Eine Audienz bei der Königin, ein Gespräch mit Premierministerin Helle Thorning-Schmidt in ihrem Regierungspalais und dann ging es zur Diskussionsveranstaltung mit klugen, wohlerzogenen Studenten in die Kopenhagener Universität, die allesamt freundliche Fragen an die Politikerinnen richteten. 

Bevor es für die viel beschäftigte Kanzlerin wieder mit dem Flieger Richtung Berlin ging, fanden Helle Thorning-Schmidt und Angela Merkel die Zeit sich mit Vertretern der deutschen Minderheit in Dänemark zu unterhalten. Frau Merkel kam der wartenden Delegation raschen Schrittes entgegen, begleitet von ihrer dänischen Kollegin: „Ach, guten Tag, die Minderheit. Über sie haben wir heute schon gesprochen“, so Frau Merkel. Unser Hauptvorsitzender ist schlagfertig: „Hoffentlich nur Gutes“. Worauf Thorning auf dänisch antwortet: „Selvfølgeligt, godt at se jer“ (Natürlich, schön euch zu sehen). Ja, zugegeben, das wärmte das Minderheitenherz.

Die Gemüter im Grenzland kochen nämlich in einigen Kreisen derzeit über, weil die deutsche Minderheit den Wunsch nach zweisprachigen Ortsschildern erneut angemeldet hat. Doch dieser Streit spielte in dem Gespräch mit den beiden Regierungschefinnen keine Rolle. „Das Problem haben wir mit unseren Politikern in den Kommunen in Nordschleswig, nicht mit Frau Merkel oder Frau Thorning-Schmidt“, so der Kommentar der Vorsitzenden der deutschen Minderheit, Hinrich Jürgensen.

Der Regierungssprecher in einem tweet über die Minderheiten im Grenzland

In ihrer Rede an der Kopenhagener Universität erinnerte sich Thorning-Schmidt, in geschliffenem Englisch, an nicht weniger als 20 Krisensitzungen, die sie in Brüssel gemeinsam mit „der lieben Angela“ in den letzten Jahren verbracht hatte. Differenzen zwischen Berlin und Kopenhagen gibt es derzeit keine nennenswerten und so gab es viele gegenseitige Streicheleinheiten und Unterstützungserklärungen. Dänemark ist ein Anhänger der harten Haltung der Kanzlerin in der Euro- und Wirtschaftskrise. Frau Thorning-Schmidt erklärte, dass es die Aufgabe aller europäischer Partner sein müsse, das eigene Haus in Ordnung zu bringen. Ganz im Sinne von Frau Merkel. 

Das große Thema war die Fehmarn-Belt-Querung zwischen Dänemark und Deutschland.  Die nicht verstummen wollenden Proteste auf deutscher Seite werden in Dänemark mit Verwunderung registriert. Bis auf die linkssozialistische Einheitsliste sind alle Parteien im Parlament für das Bauvorhaben und auch in der Bevölkerung ist kein Protest zu hören. Ganz anders auf deutscher Seite, wo Proteste und Klagen nicht abreisen. Doch Frau Merkel hat - sehr zur Freude der dänischen Ministerpräsidentin - dem Vorhaben in Kopenhagen ausdrücklich ihren Segen erteilt.

Frau Merkel, die vor ihrer Rede mit tosendem Beifall von 300 jungen Studenten in der Kopenhagener Universität „gefeiert“ wurde - wirkte entspannt, aufmerksam, bescheiden - alles Charakteristika, die in Dänemark gut ankommen. Frau Merkel ist - das darf man mutig behaupten - derzeit die beliebteste Politikerin in Dänemark 

Big Brother: Vertrauensgesellschaft oder ich habe doch nichts zu verbergen!


Der Artikel ist erstmals in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" erschienen

Wer die deutsche und dänische Gesellschaft vergleichend beobachtet, macht schnell einen charakteristischen Unterschied aus. 

Den Vertrauensvorschuss, den die Dänen ihren Institutionen entgegenbringen (Vertrauensgesellschaft) und die große Skepsis und das Misstrauen gegen Autoritäten, die es in Deutschland gibt. Natürlich ist dies kein scharf zu zeichnender Schwarz-Weiß-Gegensatz; doch bei der Diskussion über die Fehmarn-Belt-Querung wird diese Unterscheidung wieder deutlich. Ein Stuttgart 21 oder eine Flut von Einsprüchen und Prozessen, wie sie auf der deutschen Seite anlaufen, sind in Dänemark schwer nachzuvollziehen. Während man von deutscher Seite, die vermutete dänische Gleichgültigkeit und Obrigkeitstreue nicht immer versteht.

Nun sollte man sich aus dänischer Perspektive nicht selbstzufrieden zurücklehnen und meinen, in Dänemark sei halt noch alles in Ordnung – man vertraue sich und sei dem Konsens verpflichtet. Konsens ist gut – aber nicht um jeden Preis. Manchmal sind Misstrauen und kritisches Hinterfragen notwendig.

Besonders problematisch ist dieses gesellschaftliche Urvertrauen in Dänemark mit Blick auf die sträflich vernachlässigte Diskussion über Datenschutz und „Big Data“ in Dänemark. 
Es findet eine technische Revolution statt, die mit der industriellen Revolution zu vergleichen ist. Diese wird gesellschaftliche Konsequenzen in allen Lebensbereichen mit sich führen. Doch die Diskussion darüber findet in Dänemark praktisch nicht statt. 
Ich weiß, dass bereits einige mit den Augen rollen und denken – nicht schon wieder. Diese Diskussion über Überwachung geht uns nichts an. Wir haben nichts zu verbergen. Mich dürfen sie gerne durchleuchten, wenn damit Kriminalität oder gar Terror verhindert werden kann. Richtig, mit einer Vorratsdatenspeicherung hätte man zum Beispiel an den Einfallstoren von Hadersleben schnell ausfindig machen können, wer für den Vandalismus gegen das zweisprachige Ortsschild in Frage kommt. Technisch kein Ding: Denn es ist wahrscheinlich, dass die Täter ein Handy hatten. Mit den Signaldaten kann man ohne Weiteres feststellen, wer zum vermuteten Tatzeitpunkt in der Nähe war. Doch wollen wir das?

So abwegig es klingen mag, das Datenprofil, das von jedem von uns tagtäglich erstellt und erweitert wird (GPS, Kreditkarte, Handy, Computer, Kundenkarten im Supermarkt, Rabattkarte etc.) weiß vieles über uns, was wir nicht einmal selbst wissen. Doch, was wirklich zum Umdenken anregen sollte, ist die Tatsache, dass das „Internet der Dinge“ –  die zweite Stufe der digitalen Revolution – nun seinen Siegeszug beginnt. 

In Zukunft wird es keine Waschmaschine, keinen Kühlschrank, kein Auto etc. geben, das nicht mit dem Internet verbunden sein wird. In alle Produkte werden Sensoren und Mikrochips eingebaut. Die Zahlen machen schwindelig. Allein Google speichert bereits heute jeden Tag tausend Mal so viele Daten, wie alle Werke der US-Kongressbibliothek, darunter 31 Millionen Bücher. Ein Ende der rasanten Entwicklung ist nicht abzusehen. 

Doch zurück zum Konterargument: „Ich habe weiterhin nichts zu verbergen.“ Dieses Argument ist auf die Gegenwart beschränkt. Jetzt in diesem Moment habe ich nichts, was ich verbergen möchte. Doch wie sieht das in Zukunft aus? Vielleicht wird es irgendwann notwendig sein, etwas zu verheimlichen. Doch dies wird bei der jetzigen Entwicklung und dem gesellschaftlichen Desinteresse bald ausgeschlossen sein. Das finde ich sehr beunruhigend.

living diversity - Newsletter 17



NEWS

Rückschritt für „Minderheiten-Modell“: Bürgermeister in Dänemark schließen zweisprachige Ortsschilder aus
Enttäuschung in der deutschen Minderheit - Wunsch nach Zweisprachigkeit wurde brüsk abgewiesen (mehr)

Völkermord an den Armeniern: Türkei bleibt unnachgiebig – Dänemark und Deutschland scheuen den Streit mit Ankara
100 Jahre sind seit dem ersten systematischen Völkermord vergangen und noch immer wird dieser bestritten (mehr)

„Das sanfte Monster Brüssel“: Europäische Kommission sieht Bürgerinitiative voll umgesetzt
Europäische Kommission enttäuscht Zivilgesellschaft: Bürgerbeteiligung als Lippenbekenntnis (mehr)

Günter Grass - ein Kämpfer für die Minderheiten in Europa
Nachruf auf einen starken Fürsprecher für die Minderheiten in Europa (mehr)

Wirtschaftsausschuss in Kopenhagen: Nicht nur Fehmarn-BeltAusschuss des Landtages in Kiel besuchte die dänische Hauptstadt und schaute auch im Sekretariat der deutschen Minderheit vorbei (mehr)

Warten auf Athen: Anschläge auf Moscheen sorgen für Aufregung
Eine Moschee brennt in West-Thrakien - die neue Regierung in Athen hat die katastrophale Minderheitenpolitik des Landes nicht korrigiert (mehr)

Vor 70 Jahren: Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm - ein Täter aus Nordschleswig blieb unbehelligt
Der grausame Mord hat eine Verbindung nach Nordschleswig, die nie gesühnt wurde (mehr

Beste Wahlergebnis seit 25 Jahren: Finnlandschweden mit Rückenwind
In Finnland wurde gewählt, die schwedisch-sprachigen Finnen sind zufrieden (mehr)

Angst vor der eigenen Ortschilder-Courage – gelingt der Durchbruch? (mehr)

Zum Photo Shooting im Haus Nordschleswig (mehr)



KOLUMNE im „Der Nordschleswiger" - Bericht aus Kopenhagen (mehr hier)


Woche 12
Woche 10


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Wirtschaftsausschuss in Kopenhagen: Nicht nur Fehmarn-Belt


Der Artikel ist auch in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erschienen.

Der Wirtschaftsausschuss des Kieler Landtages, unter Leitung des Vorsitzenden Christopher Vogt (FDP), hat in den vergangenen vier Tagen der dänischen Hauptstadt einen Besuch abgestattet. Unter anderem traf die Delegation  mit dem dänischen Verkehrsminister Magnus Heunike zusammen und führte Gespräche mit Abgeordneten des dänischen Parlaments. 

Dabei stand ein Thema im Mittelpunkt: Die Fehmarn-Belt-Querung. Die Abgeordneten - die durchaus unterschiedliche Meinungen über die Sinnhaftigkeit des Großvorhabens vertreten - erfuhren in Kopenhagen, dass die politischen Parteien sowie die Regierung, dem Vorhaben große Bedeutung bemessen. „Es wurde deutlich, dass die politische Unterstützung - parteiübergreifend - für das Vorhaben sehr groß ist“, erklärte der Ausschussvorsitzende Vogt. 

Gestern kam es  zum Austausch im Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen. Sekretariatsleiter Jan Diedrichsen berichtete über die aktuelle Situation in der Minderheit - vor allem die aktuelle Ortsschilder-Diskussion stieß auf großes Interesse. Die aktuelle politische Lage in Dänemark, kurz vor der nächsten Folketingswahl, wurde ebenfalls erörtert. 

Warten auf Athen: Anschläge auf Moscheen sorgen für Aufregung

Foto: abttf.org

Die neue griechische Regierung ist mit dem Anspruch angetreten, vieles besser zu machen und für eine neue Kultur der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie einzutreten. Das hat die Hoffnungen geweckt, dass ein Kurswechsel in der Minderheitenpolitik des Landes bevorsteht. 

Griechenland würde heute nicht Mitglied der EU werden können, weil man eine desaströse, gegen alle Standards verstoßende Minderheitenpolitik führt. Die türkische Minderheit darf sich als solche nicht definieren, sondern muss sich auf die religiöse Komponente ihrer Existenz zurückziehen. Die slawische mazedonische Minderheit wird in ihrer Existenz geleugnet. 


Alexis Tsipras – wie halten Sie es eigentlich mit den Minderheiten?

Leider hat sich die griechische Regierung um das Thema der Minderheiten bis heute nicht gekümmert. Es ist daher mit berechtigter Sorge verbunden, wenn derzeit aus West Thrakien Meldungen eintreffen, die von Brandanschlägen auf Moscheen in dem Gebiet der türkischen Minderheit berichten. 

In Komotini wurde ein Anschlag auf eine Mosche und ein Masjid der türkischen Minderheit verübt. Laut der Zeitung Birlik haben unbekannte Personen am Freitag, den 17.04.2015 in den frühen Morgenstunden die Mahmutağa Moschee im Stadtviertel Yenice Komotini’s in Brandt gesteckt.  Zeitgleich wurde ein weiterer Anschlag auf ein Masjid (kleines Gotteshaus) in einem anderen Stadtviertel Komotini’s verübt. Die unbekannten Personen haben zehn Zypressenbäume um das Gotteshaus herum abgesägt und einen Grabstein zerstört.

Aus Athen kam bislang keine Verurteilung der Anschläge. 

Rückschritt im „Minderheiten-Modell“: Bürgermeister in Dänemarkschließen zweisprachige Ortsschilder aus



---- NACHTRAG: 
10. Mai 2015 (Künstlergruppe "bastelt eigene zweisprachige Schilder)
2. Mai 2015 (Bürgermeister in Hadersleben lässt das erste Schild nach Vandalismus nicht wieder aufstellen)

--- Siehe auch:
Zweisprachige Ortsschilder in Nordschleswig unerwünscht – vorläufiger Schlusspunkt einer emotionalen Debatte

In den vergangenen Tagen wurde viel über die deutsche Minderheit in Dänemark und dem Wunsch nach zweisprachigen Ortsschildern geschrieben - u.a. auch hier:

Angst vor der eigenen Ortschilder-Courage – gelingt der Durchbruch?

Seit gestern wissen wir, dass in Nordschleswig eine große Lücke klafft, zwischen dem politischen Anspruch, eine der führenden Minderheitenregion in Europa  sein zu wollen und der politischen Wirklichkeit im Grenzland. Zumindest, wenn wir die Mehrzahl der Bürgermeister in Nordschleswig zum Maßstab nehmen. 

Der Ökonomieausschuss der Kommune Tondern hat in einem einstimmigen Beschluss (sic!) den Wunsch der deutschen Minderheit nach zweisprachigen Ortsschildern verworfen. Der Bürgermeister aus Apenrade, Thomas Andresen, wiederum hat mit drastischen Worten gegenüber dem Nordschleswiger, der Tageszeitung der deutschen Minderheit, den Wunsch der Minderheit abgesäbelt: 
„Es ärgert mich, dass ich mich aufgrund der Debatte zwangsläufig mit einem Thema befassen muss, dem ich keine Relevanz beimesse. Das Thema Deutsch-Dänisch spielt für mich keine Rolle, sondern ich interessiere mich für die Belange der Kommune.“
Eine rühmliche Ausnahme ist der Bürgermeister in Hadersleben, H.P. Geil, der ein zweisprachiges  Ortsschild, sozusagen Kraft seiner Bürgermeisterbefugnis eigenständig aufstellen lies, um die Stimmung zu testen: Haderslev / Hadersleben - großartig und mutig! Die Diskussion über die zweisprachigen Ortsschilder sorgte landesweit in Dänemark für Aufmerksamkeit. Leider hielt die rühmliche Ausnahme nicht lange. In einer Nacht und Nebelaktion haben Unbekannte das Schild in einem Akt des Vandalismus entfernt, was wiederum den Bürgermeister Geil dazu veranlasste zu erklären, dass damit das Urteil gesprochen sei - man werde das Schuld nicht wieder aufstellen. Ein "einknicken" vor dem "Parlament der Straße" der von vielen Beobachtern mit Kopfschütteln kommentiert wurde. 

Eine weitere - eher humoristische Note erhielt die Haderslebener Schilderdebatte, als sich eine Künstlergruppe in der Nacht zum 10. Mai 2015 aufmachte an den Ortseingängen eigene deutsche "Hadersleben"-Bezeichnungen anzubringen. Der Bürgermeister Geil vermeldete sofort auf Facebook "diesmal war ich es nicht". 

Foto: Harro Hallmann

Es ist kein Geheimnis, dass die Frage der zweisprachigen Ortsschilder auch heute noch -  70 Jahre nach dem Ende der Besatzung Dänemarks -, die Gemüter erregen kann. Die harschen Reaktionen waren zu erwarten. Doch die Tatsache, dass mehrere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und die führenden regionalen Medien der Idee positiven Rückenwind verschafften, ließ die deutsche Minderheit hoffen, endlich den Durchbruch zu schaffen. 

Doch es sollte anders kommen. Die zweisprachigen Ortsschilder sind politisch nicht umsetzbar. Es mangelt an Entscheidungsträgern, die das Format beweisen, sich für die Minderheit einzusetzen - auch gegen Widerstand. 

Man sollte sich in Tondern, Sonderburg, Apenrade  nicht wundern, wenn man nicht beides haben kann: Zu den Feierlichkeiten eingeladen werden, sich im deutsch-dänischen "Super-Minderheiten-Modell" sonnen wollen und dann den politischen Mut und die Weitsicht vermissen zu lassen, die europaweit geltenden Standards der Minderheitenrechte auch in Nordschleswig umzusetzen. 

Der Hauptvorsitzende der deutschen Minderheit Hinrich Jürgensen ist zurecht enttäuscht, wenn er die Forderung der Minderheit vorerst „beerdigt“ - doch aufgeben kommt nicht in Frage. Gegenüber dem Nordschleswiger erklärt er:


Von Aufgeben ist aber nicht die Rede, so Jürgensen. Er hofft, dass Nordschleswig bereit ist zum 100-jährigen Bestehen der deutschen Minderheit 2020 die Schilderfrage positiv zu beantworten: "Aufgeber gewinnen nie – Gewinner geben nie auf", so sein Slogan.


HINTERGRUND
Die deutsche Minderheit in Dänemark lebt im südlichen Teil des Landes - in dem historischen Gebiet Nordschleswig / dänisch: Sønderjylland. Das Gebiet ist in vier Kommunen aufgeteilt: Tønder / Tondern; Sønderborg / Sonderburg, Haderslev / Hadersleben; Aabenraa / Apenrade. Die deutsche Minderheit fordert seit Jahren - demokratische legitimiert durch ihre Gremien - dazu auf, dass in den Ortschaften, in denen deutsche Institutionen, wie Schulen, Kindergärten, Büchereien etc. gibt auch mit zweisprachigen Ortsschildern die natürlich Zweisprachigkeit und kulturelle Vielfalt aufmerksam gemacht wird. 

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt: Margrethe Vestager legt sich mit den ganz Großen an


Der Artikel ist in der Kolumne Bericht aus Kopenhagen in "Der Nordschleswiger" erschienen


UPDATE: (22.4.2015) Vestager hat sich mit Putin angelegt ... 


Die New York Times (NYT) hat sich in zwei ausgiebigen Artikeln mit Margrethe Vestager beschäftigt. Das geschieht nicht aller Tage, solche Aufmerksamkeit ist in Europa ansonsten nur Angela Merkel vorbehalten.  

Vestager hält sich derzeit in den USA auf.  Zahlreiche Lobbyisten, Pressevertreter und Politiker versuchen schlau zu werden aus der 47-jährigen Politikerin aus Kopenhagen, mit aktuellem Dienstwohnsitz in Brüssel.

Margrethe Vestager entwickelt sich zum neuen Star der EU-Kommission. Dabei war man in Dänemark etwas enttäuscht, als man hörte, dass die „heimliche Regierungschefin“ im Thorning-Kabinett in einem Übernacht-Coup (der wirklich alle Journalisten auf dem falschen Fuß erwischte) als EU-Kommissarin für Wettbewerbsfragen nach Brüssel wechselte. Man hätte erwartet, sie würde zumindest zur Stellvertreterin von Jean-Claude Juncker mit einem der ganz großen Posten, z. B. für Wirtschaftsfragen, politisch geadelt werden. Doch Wettbewerb; was ist das denn? Ein solches Ministerium gibt es nicht mal in Dänemark, so die landläufige Enttäuschung. Das liegt jedoch daran, dass Dänemark keine eigenständige Wettbewerbspolitik betreibt. Wettbewerb und Kartellrechtsfragen haben  alle EU-Länder nach Brüssel ausgelagert. Die EU hat das alleinige Sagen. Margrethe Vestager hat einen sehr machtvollen EU-Posten erwischt.  

Derzeit versucht vor allem der Weltkonzern Google aus der dänischen EU-Kommissarin schlau zu werden. Denn Margrethe Vestager hat sich mit dem Milliarden-Konzern angelegt. Sie hat formal Klage eingereicht, mit dem Hintergrund, dass Google – das mit rund 90 % Marktanteil im Suchmaschinen-Segment in Europa ein Quasi-Monopol besitzt – diese marktbeherrschende Stellung ausnutzt, um eigene Produkte und Dienstleistungen bevorzugt zu vertreiben. Es handelt sich dabei, um einen potentiellen Streitwert von bis zu sechs Milliarden US-Dollar, meint die NYT zu wissen. Ein ähnliches Kartellrechtsverfahren wurde auch in den USA angestrengt, doch die Armee der hochbezahlten und effektiven Google-Lobbisten und Juristen überzeugte die Gerichte in den USA davon, das Verfahren einzustellen. 

Margrethe Vestager kommt zu einem anderen Schluss: Sie möchte die Datenkrake Google bei ihrem Geschäftsmodell packen. Sie mache das sehr geschickt, berichtet eine beeindruckte New York Times Reporterin. 

Sie sei die wohl unsentimentalste Politikerin, die er je interviewt habe, so Martin Krasnik von Danmarks Radio. 

Politiken-Chefredakteur Bo Lidegaard wird ebenfalls in der NYT zitiert: „Man kann Vestager viel vorwerfen, aber nicht, dass sie ängstlich sei.“  

Die NYT zeichnet ein vorteilhaftes Bild der „toughen“ Ministerin, die gerne selbstgehäkelte Elefanten verschenkt, mit dem Fahrrad unterwegs ist und sozusagen die Reinkarnation der Borgen-Hauptfigur sei. Unterschätzt sie nicht: Sie ist knallhart, so das NYT-Credo. 

Vestager bewegt sich derzeit in den USA ostentativ selbstsicher und begegnet aller Kritik mit größter Freundlichkeit, aber bestimmt.  Google wird sich warm anziehen müssen; Vestager ist bekannt dafür, nicht so schnell aufzugeben. Einige Beobachter meinen gar, dass Google nur die Vestager-Aufwärmübung sei. Als nächstes warte Gazprom und damit Vladimir Putin, der die Energie-Position des staatseigenen Konzerns Gazprom sowohl wirtschaftlich als auch politisch ausnutzt. Das wäre dann ein Showdown, der einiges an Dramatik zu bieten hätte. Die New York Times wird die dänische Politikerin im Auge behalten: „Es ist ein neuer Sheriff in der Stadt“, so die NYT. 

„Das sanfte Monster Brüssel“: Europäische Kommission sieht Bürgerinitiative voll umgesetzt




Die Europäische Kommission hat einen Bericht zum Stand der Umsetzung der Europäischen Bürgerinitiative vorgelegt. Seit Monaten hagelt es an Kritik, an dem mit hohen Erwartungen verbundenen Instrument der direkten Demokratie: Vom EU-Parlament, dem Ombudsmann, doch vor allem vonseiten der Zielgruppe, den Bürger in Europa, die das Instrument zur Umsetzung ihrer Interessen gerne nutzen würden. Die Europäische Kommission bleibt jedoch stoisch und schreibt einleitend in der „Assement of the Implementation“ / „Einschätzung der Umsetzung“: „Die Kommission ist der Auffassung, dass die Bürgerinitiative voll umgesetzt wurde.“

Hier soll ein gegensätzlicher Standpunkt vertreten werden: Die Bürgerinitiative ist vielmehr gescheitert; zumindest wenn man den Maßstab anlegt, dass durch die Initiative, die Bürger Einfluss nehmen können auf das politische System der EU. Man wird vielmehr bei der Beschäftigung mit diesem im Vorfeld hoch gelobten Instrument, an das „Sanfte Monster Brüssel“ erinnert, das Hans Magnus Enzensberg so schön-kritisch beschrieben hat. Man könnte auch behaupten, dass die Bürgerinitiative ein beredtes Beispiel für den von Jürgen Habermas geprägten Begriff „Fassadendemokratie“ ist.

Seit April 2012 hat die Kommission 51 Anfragen auf Registrierung einer Bürgerinitiative erhalten. Nur 60% der Anfragen wurden registriert (31). 2012: 16, 2013: 9 , 2014: 5, 2015: 1. Das zeigt, wie das Vertrauen in das Instrument nunmehr beinah am Nullpunkt gelandet ist. Drei Initiativen haben bislang die 1 Million Unterschriften-Hürde genommen. (Recht auf Wasser, Schutz ungeborenen Lebens, Anti-Tierversuche).

Die Kommission handhabt die Bestimmungen zur Registrierung einer Bürgerinitiative äußerst restriktiv. So restriktiv, dass derzeit sechs Klagen am Europäischen Gerichtshof anhängig sind - eingereicht von Initiativen, die nicht zugelassen wurden.

In der vorgelegten Analyse geht die EU-Kommission nicht weiter auf die Kritikpunkte ein. Der 15-seitige Bericht scheint eher eine Pflichtübung zu sein, die gesetzlich vorgeschrieben, nun abgeharkt wurde. Dies bestärkt den Eindruck, dass von der Europäischen Kommission mit Blick auf die Bürgerinitiative keine Impulse zu erwarten sein wird.

Doch die Kommission spielt meiner Meinung nach ein gefährliches Spiel. Sie vergibt sich die Möglichkeit, mit dem neuen Instrument der direkten Demokratie eine nachhaltige Bürgerbeteiligung zu versuchen und damit gegen das sprichwörtlich gewordene Demokratiedefizit der Union sowie gegen die Politikverdrossenheit im Allgemeinen anzugehen.

Die EU befindet sich derzeit in einer krisenhaften Situation und stellt sich dabei immer lauter die Sinnfrage. Nie scheint die Akzeptanz der Bürger daher nötiger gewesen, als derzeit. Die Wirtschafts- und Finanzkrise, der Krieg in der Ukraine und der Konflikt mit dem Kreml sind nur einige der aktuellen Krisen-Schlaglichter. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat es in einem Interview klar formuliert: das Projekt Europa hat durchaus noch den Kern des Scheiterns in sich. Was dann wird, weiss zwar keiner, dass dies aber nichts Gutes sein kann, scheint gewiss.

Man hätte den Verantwortlichen für dieses Scheitern der Bürgerinitiative (sie sitzen nicht nur in dem bürokratischen Koloss der EU-Kommission, sondern auch in den Mitgliedstaaten und im Europäischen Parlament) gerne an Robert Schumann, einem der EU-Gründungsväter erinnert, der aus einer anderen Zeit und mit wohltuenden Pathos erklärte: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden, ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

Schöpferische Anstrengungen sind mit Blick auf ein ernsthaftes Einbinden der Bürger Europas leider derzeit nicht zu erwarten. Große Bedrohungen für das Projekt Europa gibt es umso mehr.

Vor 70 Jahren: Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm - ein Täter aus Nordschleswig blieb unbehelligt



Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm sind ein grausames Beispiel der pervertierten Verbrechen der SS. 

Am 21. April 1945 (heute vor 70 Jahren) wurden 20 jüdische Kinder in Hamburg-Rothenburgsort, am Bullenhuser Damm, in den Kellern einer Schule ermordet (heute ein Museum). Der SS-Arzt Heißmeyer hatte die jüdischen Kinder aus Auschwitz ins KZ Neuengamme kommen lassen, um an ihnen medizinische Versuche durchzuführen. Wenige Tage vor der Befreiung Hamburgs wollte die SS die Spuren dieses Verbrechens beseitigen. In der Nacht zum 21. April 1945 wurden im Keller der Schule, die damals als Außenlager von Neuengamme diente, die Kinder gehängt. Mit ihnen starben ihre vier Betreuer aus den Niederlanden und Frankreich sowie 24 sowjetische Kriegsgefangene.

In dem sog Curiohaus-Prozess wurden die Haupttäter verurteilt und für ihre Verbrechen hingerichtet. Es gibt jedoch eine nie gerichtlich aufgearbeitete Verbindung nach Dänemark / Nordschleswig, zum aus Sonderburg stammenden Hans Friedrich Petersen. In dem Buch „Fortrœngt Grusomhed. Danske SS-vagter 1941-1945“ (Verdrängte Grausamkeit. Dänische SS-Wachen 1941-1945) von Dennis Larsen wird unter anderem der herzzerreißende Fall aus Hamburg geschildert und versucht die Rolle von Hans F. Petersen zu rekonstruieren.

Petersen (Jahrgang 1897) hatte sich 1942 zum deutschen Kriegsdienst (SS) - im Haus Adalbert in Sonderburg - werben lassen. Petersen war elfjährig mit seinen Eltern aus Stuttgart nach Sonderburg gezogen. Er nahm als Soldat am 1. Weltkrieg teil und entschied sich nach der Volksabstimmung 1920 die dänische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Er war als SS-Mann nach einer Ausbildung in Sachsenhausen in dem Konzentrationslager Neuengamme als Fahrer tätig. Petersen saß hinter dem Steuer, als die Kindern, ihre Betreuer sowie die Kriegsgefangenen am 21. April 1945 ihre letzte Reise antraten. Die Rolle von Petersen wurde in den sog Curiohaus Prozess nicht aufgerollt und es sollte 38 Jahre dauern, bis der Stern-Journalisten Günther Schwarberg die Verwickelungen Petersen in das grausame Verbrechen veröffentlichte. Hans F. Petersen war 1967 verstorben und wurde für seine Beteiligung an den Morden nie zur Rechenschaft gezogen. 

Zum Photo Shooting im Haus Nordschleswig



Am Donnerstag wird im Ökonomieausschuss der Kommune Tondern darüber diskutiert, ob zweisprachige Ortsschilder in der Grenzkommune eingeführt werden sollen. Ergebnis offen. Währenddessen demonstriert die Dachorganisation der deutschen Minderheit, dass zweisprachige Ortsschilder gar nicht so schlimm sind .... 

Beste Wahlergebnis seit 25 Jahren: Finnlandschweden mit Rückenwind

Wahlsieger und noch amtierender Verteidigungsminister in Finland Carl Haglund (Foto:www.sfp.fi) 

Carl Haglund ist 36 Jahre jung und für einen europäischen Politiker verhältnismäßig jung. Der finnische Verteidigungsminister ist erfolgreich und beliebt. Er hatte sich bereits im Europäischen Parlament, als Abgeordneter in der Gruppe der Liberalen (ALDE), einen guten Namen erarbeitet, bevor er vor drei Jahren als Minister in die finnische Politik wechselte. Mittlerweile ist Haglund nicht allein Verteidigungsminister, sondern auch Vorsitzender der SFP, der Partei der schwedischsprachigen Finnen. Bei der Wahl am 19. April 2015 erzielte er 21 363 persönliche Stimmen, er war damit der vierterfolgreichste Politiker im ganzen Land. Das hat bislang noch kein Politiker der SFP erreicht.

Die Partei der Finnlandschweden erzielte ihr bestes Resultat seit beinah 25 Jahren und verbuchte einen Stimmenzuwachs von 17 420 Stimmen. Die SFP erhielt 4,9% aller Stimmen in Finnland. Insgesamt besteht die Fraktion der SFP aus sieben Abgeordneten.

Die SFP ist auch im Europäischen Parlament vertreten. Nils Torvalds (Vater des Linux Gründers Linus) vertritt in der Liberalen Fraktion die Interessen der Finnlandschweden. Er ist Co-Vorsitzender der Intergruppe für nationale Minderheiten. 

Es ware falsch, die Schwedenfinnen als “schwedische Minderheit” zu bezeichnen. So sind in ihrem Selbstverständnis Finnen, mit schwedischer Muttersprache. Sie bewohnen hauptsächlich neben den Ålandinseln den Küstenstreifen entlang des Österbottens sowie die Südküste, einschließlich der schwedischen Sprachinseln in einigen finnischsprachigen Städten. Die Minderheit der Finnlandschweden umfasst etwa eine Viertelmillion Menschen oder zwischen 5 und 6 Prozent der finnischen Bevölkerung. (siehe Wikipedia)

Wer die nächste Regierung in Helsinki / Helsingfors bilden wird und ob die Abgeordneten um Carl Haglund dabei seien werden, ist noch offen. Die derzeit regierende Koalition aus Konservativen, Sozialdemokraten, Christdemokraten und der Finnlandschweden haben keine eigene Mehrheit mehr. Der Wahlsieger von der Zentrumspartei Juha Sipilä wird aller Voraussicht nach die  neue Regierung bilden

Angst vor der eigenen Ortschilder-Courage – gelingt der Durchbruch?


Das deutsch-dänische Grenzland gilt als gutes Beispiel dafür, dass Minderheitenfragen und nationale Gegensätze im Einklang zwischen Minderheit und Mehrheit gelöst werden können. Das wurde in den vergangenen Monaten auch wiederholt gefeiert (1864-Gedenken und 60-Jahre Bonn Kopenhagener Erklärungen).

Doch auch im deutsch-dänischen Grenzland sind nicht alle Fragen geklärt. Die von der deutschen Minderheit geforderte zweisprachige Beschilderung wird sich in den kommenden Tagen entscheiden. Bislang gibt es in Nordschleswig, Dänemark, keine zweisprachigen Ortschilder. An der Westküste Schleswig-Holsteins gibt es friesische Schilder und die größte Stadt der Region, Flensburg, begrüßt am Ortseingang ebenfalls zweisprachig.

Als die deutsche Minderheit 2007 den Vorschlag für zweisprachige Ortsschilder ins Spiel brachte, führte dies zu einem regionalen Mediensturm mit harten Kommentaren  - Herrenvolk zeigt Zähne, hieß es unter anderem in einem Leitartikel. Bestärkt durch den Europarat, der sich kürzlich auf Grundlage des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten in Nordschleswig umgesehen hat und die Beschilderungswünsche der deutschen Minderheit unterstützt, wurde das Thema erneut aufgenommen. Anders als 2007 war die Stimmung in den Medien und unter dänischen Entscheidungsträgern positiv. Doch auch kritische Stimmen melden sich – gar eine „Volksabstimmung“ wurde vorgeschlagen, um das Thema der zweisprachigen Beschilderung zu bescheiden. Leider gibt es Anzeichen dafür, dass sich die bislang positive Kommune Tondern sich wieder zurückzieht. Das wäre sehr bedauerlich und für das Minderheitenimage der Region ein herber Rückschritt.

Natürlich geht es der deutschen Minderheit nicht darum, dass der deutsche Nordschleswiger nicht nach Tingleff findet, weil alleine Tinglev auf dem Ortsschild steht. Auch Verwirrungen mit GPS oder verzweifelten Touristen, die nun nicht mehr nach Tønder finden, weil ja nun Tønder / Tondern am Ortseingang zu lesen ist, sind natürlich als Begründung einer Ablehnung völliger Quatsch.

Nein, es geht um viel grundlegendere Fragen. Die deutsche Minderheit will, dass sie vorkommt und wahrgenommen wird. Nicht nur in Sonntagreden und bei Feierlichkeiten, wo sich alle gerne in dem „Minderheitenmodell“ sonnen. Man will als Bestandteil der Kulturlandschaft der eigenen Heimat sichtbar vorkommen.

Eine Minderheit, die ihre Sprache nicht mehr spricht, nur in der Folklore eigener Traditionen behaftet ist und keine politischen Ziele verfolgt, für die sie auch gegen Widerstand eintritt, die gibt ihre eigene Berechtigung auf und wird sich kurz über lang selbst assimilieren.



Günter Grass - ein Kämpfer für die Minderheiten in Europa


Am 13. April 2015  verstarb der Literaturnobelpreisträger Günter Grass im Alter von 87 Jahren. Die Minderheiten in Europa haben einen starken Fürsprecher verloren.

Wenige Tage zuvor war Klaus Rifbjerg verstorben, der letzte seiner Art in Dänemark; ein streitbarer, kompromissloser Intellektueller. Gefragt, mit wem Klaus Rifbjerg in Deutschland zu vergleichen sei, wäre mir sofort Günter Grass eingefallen. Nicht unbedingt wegen den literarischen Qualitäten - Günter Grass hat sich mit seiner Blechtrommel unsterblich gemacht und gewann 1999 den Nobelpreis für Literatur. Doch beide vereinte ihre Vielfältigkeit im künstlerischen Schaffen, ihre Intellektualität und vor allem ihr gnadenloses gesellschaftliches Engagement. Ein streitbares, oft ins moralisieren abgleitende Sendungsbewusstsein, mit dem beide genüsslich am politischen Mainstream aneckten. Doch imme dem Sinne verpflichtet, dass ein Künstler die eigene Sonderstellung in der Gesellschaft zu nutzen habe, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Klaus Rifbjerg liebte Berlin. Günter Grass war ein Bewunderer und häufiger Gast auf der dänischen Insel Mön. Doch Dänemark war nicht vor der schneidenden Kritik des Verstorbenen gefeit. Ich erinnere mich an eine Lesung in der Højskolen Østersøen in Apenrade, wo er deutliche Worte für die Politik von Dansk Folkeparti und die Parteichefin Pia Kjœrsgaard fand. 

Die Danziger Trilogie (Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre) macht deutlich, wie sehr der deutsch-polnisch-kaschubische biographische Hintergrund des in Danzig geborenen Autors dessen Werk und Schaffen prägte. Seine Verbundenheit mit der Kaschubei hat Grass nie bestritten. In einem Interview mit Jan Koprowski (zitiert nach "Günter Grass: ein europäischer Autor?"; Amsterdamer Beitrage Zur Neueren Germanistik, Band 35-1992, S. 81) erklärte Günter Grass: 
„Wegen meiner Abstammung habe ich eine starke Bindung mit Polen, insbesondere mit der Kaschubei. Die Familie meiner Mutter ist kaschubisch. Hier in Gdansk und seiner Umgebung habe ich viele, vielleicht an die hundert Verwandte. So groß ist diese Familie, und diese Mischung des Halb-Kaschuben Günter Grass ist selbstverständlich für mein literarisches Schaffen von entscheiden Bedeutung. Ich unterhalte diese Verbindungen, Serie von ihnen; wenn sie meinen ersten Roma Die Blechtrommel in die Hand nehmen begreifen Sie sofort dass es kein deutscher, dass es ein polnischer Roman ist."

Günter Grass hat sich als Stimme der Minderheiten verstanden oder wie es der Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker Tilman Zülch, ein Weggefährte des Verstorbenen in einem Nachruf ausdrückte: „Günter Grass war für Verfolgte und Vertriebene da, wenn sie ihn brauchten. Er lieh ihnen seine wortgewaltige Stimme und mahnte gemeinsam mit unserer Gesellschaft für bedrohte Völker, Konsequenzen aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen: Angesichts von Völkermord zu schweigen, wird zur Mitschuld.“

Gemeinsam mit seiner Frau gründete Grass 1999 in Lübeck die „Stiftung zugunsten des Romavolks“. Ziel der Stiftung ist es Roma zu fördern und über ihre "kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären und zu Respekt und Toleranz beizutragen". In seiner Rede anlässlich der Stiftungsgründung sagte Grass, er setze sich für das Volk der Roma ein, „weil die Roma, zu denen auch die in Deutschland lebenden Sinti gehören, wie kein anderes Volk, außer dem der Juden, anhaltender Verfolgung, Benachteiligung und in Deutschland der planmäßigen Vernichtung ausgesetzt gewesen sind. Dieses Unrecht hält bis heute an.“ In Erinnerung an den Künstler Otto Pankok, der in seinem sozialkritischen Werk immer wieder das Schicksal der Sinti und Roma thematisierte und der von 1948 bis 1952 der Lehrer von Günter Grass an der Kunstakademie in Düsseldorf war, verleiht die Stiftung den Otto Pankok Preis, zuletzt im Jahr 2014 an den ungarischen Soziologen und Pädagogen Reno Zsigó. 

Günter Grass hat sich zeitlebens gegen alle Ungerechtigkeit aufgelehnt, sei es durch seine Solidarität mit den Kurden und der nimmermüden Kritik an der Politik der Türkei. Oder als Mahner, das Leid der Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebiete nicht zu verdrängen. Mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ schaffte er in literarischer Form den Durchbruch, der Vertreibung nach 1945 zu erinnern.

Neben den Nachrufen aus Politik und Kultur, zeigen die vielen persönlichen Abschiede von Menschenrechtsorganisationen, Romaverbänden, Minderheitenvertretern und Weggefährten, wie bedeutend das Engagement des Verstorbenen gewesen ist. Die Minderheiten sind ihm zu großen Dank verpflichtet.  

Klaus Rifbjerg - Mein Herz in Berlin

Gedicht von Klaus Rifbjerg (✝ 2015)  hier gelesen von ihm selbst - die Übertragung ins Deutsche stammt von mir.


Mein Herz in Berlin

Ich konnte nicht wissen dass mein Herz

In Berlin begraben lag.

Ich konnte nicht wissen dass jede Straße

Jede Ecke

Jeder Kanal

Mit dem Leben zusammenhängt das ich jetzt lebe

Und dem das ich vor langer langer Zeit lebte


Als Berlin nur ein Name war

Ein roter Punkt auf einer Karte

Ein Wort im Mund der Erwachsenen

Etwas das aus dem Radio kam

Fern und drohend

Abstrakt aber voller Stimmen und Figuren

Im Dunklen über dem Bett des Kinderzimmers 


Auch die hellen hohen Eifrigen

Die da waren Pünktchen und Anton und Emil 

Und die Detektive

Im abenteuerlichen Berlin

Wo wie ich später las Brandes wohnte

Und Søren Kirkegaard

Und Isherwood -  


Nicht verwunderlich dass das Herz stehen blieb am

Nollendorfer Platz

Oder dass es etwas besonderes war

An der Uhlandsstrasse zu leben

Wo die große Asta Nielsen einmal residierte

Oder dass Babelsberg wo Peter Seeberg

Unaufdringlich subtil seine Nebenpersonen beschrieb

Es einen schwindeln ließ

Und zu einem richtigen Berg wurde  


Von dem man alles erblickt von

sowohl früher als auch heute und man hörte das Echo von tausenden

Flakkanonen und das Krachen der Tonnen von

Bomben

Die über diesem meinen Berlin fielen

Damals als ich noch sicher schlief und träumte

Süß im Bett auf der anderen Seite des Wassers und

Noch nicht wusste wohin ich gehörte


Und wer ich war.

Erst jetzt

Erst hier erstreckend zwischen Schiffbauerdamm 

Und dem Judenfriedhof Weissensee

Und der Charité und Wilhelmstrasse

Kreuzberg, Bahnhof Zoo und Schönefeld

Bekomme ich eine Ahnung

Erst als ich die Gedächtniskirche mitten im Blick habe

Und die Glasscheiben klirren höre die da fielen


Von den Fenstern am Kurfürstendamm

Und die SA nannte die Nacht Krystal

Verstehe ich wer ich bin und wo ich

Zuhause bin:


Im zwanigsten Jahrhundert

Mitten in Berlin

Dies ist mein zuvor und danach

Dort liegt der Hund begraben

Und alles was ich verstand

Und was ich nicht fasste


Alles was ich liebe und am allermeisten hasse

Dort lege ich mein Herz

Mein Herz liegt dort

Stehe still

Nur einen Augenblick

Unter den Linden

Und höre es schlagen.


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Mit hjerte i Berlin

Jeg kunne ikke vide at mit hjerte

Lå begravet i Berlin.

Jeg kunne ikke vide at hver gade

Hvert hjørne

Hver kanal

Hang sammen med det liv jeg lever nu

Og det jeg levede for længe længe siden


Hvor Berlin kun var et navn

En rød prik på et kort

Et ord i munden på de voksne

Noget der kom ud af radioen

Fjernt og truende

Abstrakt men fuldt af stemmer og figurer

I mørket over barnekammerets seng


Også de lyse høje ivrige

Som var Prik og Antons og Emils

Og detektivernes

Eventyrets Berlin

Hvor jeg senere læste Brandes havde boet

Og Søren Kierkegaard

Og Isherwood -


Ikke så sært at hjertet standsede på

Nollendorfer Platz

Eller det var noget særligt

Ved at bo i Uhlandsstrasse

Hvor den store Asta Nielsen engang holdt til

Eller at Babelsberg hvor Peter Seeberg

Lavmælt underfundigt havde beskrevet

Sine bipersoner fik det til at svimle

Og blev et rigtigt bjerg


Hvorfra man kunne se alting fra

Både før og nu og hørte ekkoet af tusind

Flakkanoner og braget fra de tons

Af bomber

Der faldt på dette mit Berlin

Dengang jeg selv sov trygt og drømte

Sødt i sengen på den anden side vandet og

Endnu ikke vidste hvor jeg hørte til


Og hvem jeg var.

Først nu

Først lige her udspændt mellem Schiffbauerdan

Og jødekirkegården Weissensee

Og Charité og Wilhelmstrasse

Kreuzberg, Bahnhof Zoo og Schönefeld

Får jeg en anelse

Først da jeg har Gedächtniskirke midt i focus

Og hører de glasskår klirre der faldt


Fra ruderne langs Kurfürstendam

Og SA kaldte natten for krystal

Forstår jeg hvem jeg er og hvor jeg hører

Hjemme:


I det tyvende århundrede

Midt i Berlin

Det er mit før og efter

Dort liegt der Hund begraben

Og alt hvad jeg forstod

Og det jeg ikke fatter


Alt det jeg elsker og hader allermest

Der lægger jeg mit hjerte

Mit hjerte ligger dér

Stå stille

Blot et øjeblik

Unter den Linden