Roma in Europa - ein Statusbericht





Der Artikel ist erschienen in den YEN-facts der größten Jungendorganisation der Minderheiten Europas - Youth of European Nationalities


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Die neuen Paria Europas - Minderheitensolidarität mit den Roma ist gefordert

Seit 2008 beschäftigt sich Europa fast ausschließlich mit sich selbst. Krisenmanagement ist angesagt. Die Weltwirtschaftskrise hat alle Diskussionen über die Zukunft Europas überlagert. Wie retten wir den Euro? Wie generieren wir wieder Wachstum? Das waren die zentralen Themen der vergangenen Jahre. Eine permanente Krisendiplomatie mit übermüdeten Regierungschefs, die in einer der zahlreichen Nachtkrisensitzungen die gefühlt kurz bevorstehende Apokalypse verhindern mussten, haben sich den Bürgern ein ums andere Mal eingeprägt. Alle anderen, drängenden Fragen Europas wurde der Rettung der Wirtschaftsgemeinschaft untergeordnet.

Nachdem sich der Krisennebel in Europa nunmehr zu lichten beginnt, wird erneut sichtbar, dass es neben der Wirtschaft und Finanzstabilität zahlreiche Herausforderungen gibt. Eines der größten Probleme (Herausforderung wäre in diesem Zusammenhang ein Euphemismus) ist die katastrophale Situation der rund 14 Millionen Roma in Europa. 

Bei der Analyse der bedrohlichen Lage der Roma in Europa wird eines schnell deutlich, wir haben kein Erkenntnisproblem. Alle Berichte, ob nationale oder europäische Analysen, von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Parteien, Think Tanks, Kirchen und NGO´s machen alle unmissverständlich klar, wir haben es mit einem enormen sozialen Problem, ja mit einer Katastrophe inmitten Europas zu tun. Es wird nicht einmal bestritten, dass die Roma-Slums und Ghettos, von denen es in Europa zahllose gibt, "Inseln der Dritten Welt" mitten in Europa ausmachen und dass sich die Lage tagtäglich sogar noch weiter verschlechtert.

Die Armut und sozial desaströse Lage vieler Roma - vor allem in Mittel-Osteuropa - sind bekannt. Die Europäische Union reagiert mit viel Geld. In den vergangenen Jahren wurden durch verschiedene Maßnahmen Millionen in die Hand genommen, um die Lebensbedingungen für die Roma in Europa zu verbessern. Es gilt der Grundsatz, dass die Situation der Roma vor Ort in ihren Heimatländern verbessert werden müssen. In diesem Zusammenhang gibt es viele gute Programme, viele engagierte freiwillige sowie professionelle Helfer und auch viele Erfolgsgeschichten. Doch die Gesamtsicht der Situation lässt nur ein Urteil zu: trotz des massiven Geldeinsatzes und den vielen Erklärungen, Programmen, Strategien etc. ist die Lage für die Menschen, die in den Slums und Ghettos leben müssen, weiterhin gänzlich unwürdig. Das trotz der vielen Millionen Euro Förderung keine Verbesserung zu ersehen ist, liegt nicht an den Roma. Leider kommt nur das wenigste Geld wirklich in Form von dringend benötigter Direkthilfe oder Projektgeldern bei den betroffenen Roma und ihren Siedlungen an. Es versickert vorher oder wird erst gar nicht abgerufen, weil - wie es ein Bürgermeister einer ungarischen Stadt mal plastisch erklärte: "Warum soll ich die Bedingungen in den Roma-Gebieten verbessern, ich will die Roma doch loswerden ..."

Und es verlassen auch immer mehr Roma ihre Slums und Siedlungen ohne Strom oder Wasseranschluss (anders als das gängige Klischee sind über 80% aller Roma eigentlich sesshaft). Seitdem Bulgarien und Rumänien dem Schengen-Abkommen beitreten wollen und seit 2014 die freie Beweglichkeit aller Arbeitnehmer in der EU auch in den beiden Ländern gültig geworden ist, hat in vielen "West-Medien" eine sehr polemische und unseriöse Debatte über sog. "Armutsflüchtlinge" eingesetzt. Immer wieder hört man das Wort "Zigeuner" und berichtet auch in seriösen Medien sehr tendenziös.

Es soll hier nicht davon abgelenkt werden, dass es in der bitteren Armut der Roma zu Kriminalität kommt. Es wird gebettelt, gestohlen, geraubt. Es gibt Zwangsprostitution und immer mehr Roma verdingen sich unter unvorstellbaren Bedingungen als Arbeitssklaven auf verschiedensten Baustellen Europas. Die Probleme in einigen europäischen Städten mit zugewanderten Roma sind durchaus real. Alle Beobachter der Lage sind sie sich einig, das Problem nimmt immer bedrohlichere Formen an - es muss gehandelt werden - die Lebensbedingungen der Roma müssen verbessert werden, ansonsten wird die soziale Bombe in Europa über kurz oder lang explodieren. 

Doch es wird nicht gehandelt. Es wird verdrängt, beschönigt, ignoriert und immer öfter stigmatisiert: Ja, es wird in Europa (wieder) eine Minderheit stigmatisiert. Vorurteile, Rassismus und Übergriffe bis hin zur gezielten Hatz und Mord stehen auf der Tagesordnung. Roma sind in Ghettos eingesperrt oder werden bei Nacht verhaftet und abgeschoben in Gebiete, wo sie - vor allem im Winter - schlimmste Bedingungen vorfinden. Die europäische Rechte wird stärker, der Hass gegen Minderheiten wächst und Antiziganismus scheint gegenüber den Roma salonfähig zu werden.

Beispiele für den alltäglichen Rassismus gibt es vielen. Sie kommen zum Teil unschuldig daher, sind gar nicht böse gemeint und klingen dann wie "das liegt in ihrer Kultur", "sie sind halt anders", "sie wollen das so". 

Die Berichterstattung in den Medien ist dabei tendenziös und verstärkt diesen alltäglichen Stammtisch-Rassismus, der salonfähig zu werden droht. Perfide wird mit Klischees, Mythen und Vorurteilen jongliert. Wer erinnert sich an die Geschichte von dem blonden, kleinen Mädchen das von griechischen Roma angeblich entführt wurde (stellte sich als Falschmeldung heraus) hat aber das tief verwurzelte Klischee der Roma als "Kindesentführer" in aller Deutlichkeit ans Licht gezerrt. Die Berichte von bettelnden Kinderbanden, Diebesbanden etc. füllen die Zeitungsspalten. Wenn ein Deutscher eine Straftat begeht, wird die Nationalität nicht als erwähnenswert befunden, wenn es sich um einen Rumänen handelt, wird gerne von den Journalisten kreativ die Bezeichnung Roma oder Zigeuner hinzugefügt - wobei diese ethnische Zugehörigkeit nirgends vermerkt ist. So entsteht langsam und immer deutlicher eine neue Paria-Gruppe mitten in Europa: die Roma. 


Bei den Roma handelt es sich um autochthone Minderheiten, die in fast allen Ländern Europas vertreten sind. Die Schätzungen, wieviele Roma es tatsächlich gibt, variieren. Zwischen 10-15 Millionen werden angenommen. Oftmals bekennen sich die Roma nicht zu ihrer nationalen Identität, aus Angst vor Repressalien oder anderen diskriminierenden Nachteilen. Es handelt sich bei den vielen Roma-Gemeinschaften um zum Teil sehr unterschiedliche Gruppierungen. Die Sinti aus Deutschland haben so zum Beispiel eine ganz andere Geschichte, Sprache, Kultur und Probleme als die Roma in Rumänien. 

Bewusst wurde diesem Artikel nicht die Situation der Roma als autochthone Minderheit vorangestellt, sondern die soziale Diskriminierung und der zunehmende Antiziganismus in den Vordergrund gerückt. Denn trotz wohl gemeinter Exkurse über fehlende Anerkennung von Roma auf Augenhöhe und Respekt vor dem Anderssein etc. klingen diese Minderheiten-Ansätze bei der oben beschriebenen prekären Situation vieler Roma wie Hohn. In erster Linie geht es nicht um Dialog auf Augenhöhe (nicht das diese unwichtig sei!), sondern um genug Decken und Heizung, um den Winter zu überleben. Das heißt nicht dass sog. Empathie fehl am Platz sei, diese ist wichtig. Doch es geht vor allem um Respekt und einer aktiven Bekämpfung von Armut und sozialer Ungerechtigkeit. Das ist im ersten Moment kein kulturelles "Roma-Minderheitenproblem" sondern eine soziale Herausforderung für ganz Europa. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass die "etablierten" Minderheiten - wie die Dänen in Deutschland oder die Südtiroler, die Ungarn in Rumänien etc. nichts tun sollten oder können. Ganz im Gegenteil. Es kommt der Gemeinschaft der Minderheiten eine besondere Rolle der Solidarität zu. Sie müssen sich politisch und ganz konkret einsetzen und dazu beitragen den Roma, die sonst keine oder nur eine kleine Lobby haben, zu helfen. Solidarität der Tat ist gefordert. 

Daher hat die FUEV gemeinsam mit dem Zentralrat der Sinti und Roma, unterstützt unter anderem von der Robert Bosch Stiftung und der Hermann Niermann Stiftung, ein Roma-Projekt gestartet, das unter dem Motto "Minderheiten helfen Minderheiten - Solidarität der Tat" die etablierten Minderheiten einbindet, bei der Lösung der schier unlösbar erscheinenden Probleme der europäischen Roma. Mit ganz konkreten Projekten, wie die Etablierung von Bio-Meilern zur Wärme und Stromgewinnung und Sport- und Kulturprojekten, soll den Roma geholfen werden (siehe "Roma-Projekt" unter www.fuen.org)

Es ist gibt eine moralische Verpflichtung der etablierten Minderheiten sich bei der Diskussion über die Roma schützend vor diese zu stellen und den gefährlich wachsenden Antiziganismus und Rassismus entschlossen zu begegnen. Dabei gibt es auch unter den Minderheiten in Europa noch gehörigen Nachholbedarf. 

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