Was ist eine Minderheit und was heißt hier eigentlich "neu"?

In Europa leben rund 100 Millionen Menschen, die einer autochthonen nationalen Minderheit / Volksgruppe / Nationalität angehören oder eine Regional- oder Minderheitensprache sprechen. Demnach gehört jeder siebte Europäer einer solchen Minderheit an. Dabei handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe. Von den Sami im Norden, den Slowenen in Italien oder den Friesen in den Niederlanden bis hin zu den Krim Tataren in der Ukraine oder den Sinti und Roma. Diese Gemeinschaften haben natürlich sehr unterschiedliche Interessen, Herausforderungen und geschichtliche Hintergründe. 

Schon bei der Bezeichnung - der Begrifflichkeit - fängt es an kompliziert zu werden. Einige Gruppen sind durchaus nicht damit einverstanden, als Minderheit bezeichnet zu werden. Darüber hinaus variieren in den verschiedenen Sprachen Europas die Begrifflichkeiten; so wird im deutschsprachigen Raum häufig das Wort Volksgruppe synonym für Minderheiten genutzt.

Der größte europäische Dachverband dieser Gruppe(n) ist die FUEV, mit Mitgliedern in fast allen europäischen Staaten. 2006 haben diese Mitglieder sich in einer gemeinsamen Charta - nach zum Teil kontroversen Diskussionen - auf eine Definition dessen geeinigt, was eine solche autochthone nationale Minderheit / Volksgruppe / Nationalität ausmacht:


"Unter einer autochthonen, nationalen Minderheit / Volksgruppe ist eine Gemeinschaft zu verstehen,

1. die im Gebiet eines Staates geschlossen oder in Streulage siedelt.

2. die zahlenmäßiger kleiner ist als die übrige Bevölkerung des Staates.

3. deren Angehörige Bürger dieses Staates sind.

4. deren Angehörige über Generationen und beständig in dem betreffenden Gebiet ansässig sind.

5. die durch ethnische, sprachliche oder kulturelle Merkmale von den übrigen Staatsbürgern unterschieden werden können und gewillt sind, diese Eigenarten zu bewahren."


Eine solche Definition ist natürlich - wie jede Definition - immer nur ein Versuch der Annäherung und Verallgemeinerung, um handhabbare Kategorien zu schaffen. Es spielen bei der abstrakten Diskussion über Minderheiten immer sehr komplexe Fragestellungen eine Rolle. Was ist eine Nation, ein Volk, der Nationalstaat etc. Diese prinzipiellen Fragen wollen wir hier außer acht lassen - denn Diskussionen über Begrifflichkeiten und Definitionen werden schnell zum Selbstzweck und sind wenig gewinnbringend. Es reicht völlig aus, den ehemaligen Hohen Kommissar für Minderheiten der OSZE, Max van der Stoel, zu zitieren, der erklärt hat: "Sie werden eine nationale Minderheit schon erkennen, wenn sie einer begegnen".

An diesen pragmatischen Zugang will ich mich halten und einen Versuch der Typen-Kategorisierung der europäischen Minderheit zu wagen.

1) Fangen wir bei "meiner" Minderheit an:  Ich selbst gehöre einer nationalen Minderheit an, der deutschen Minderheit in Dänemark. Eine nationale Minderheit, die als Konsequenz der turbulenten Geschichte entstanden ist; ein Produkt des Nationalstaates und den Kriegen des letzten Jahrhunderts. Entstanden, weil sich die Landgrenze zwischen Deutschland und Dänemark in den letzten 150 Jahren gleich mehrmals verschoben hat. Neben den deutschen Nordschleswigern gehören unter anderem auch die Ungarn in Rumänien (1,5 Millionen Menschen) oder die Serben im Kosovo zu dieser Gruppe.

2) Es gibt Nationalitäten, die sind in ihrem Staat zwar eine Minderheit, stellen aber in der Region in der sie leben die Mehrheit, wie zum Beispiel die deutschsprachigen Südtiroler in Italien. Unter ihnen gibt es auch sog. Co-Nationen, wie die Finnlandschweden oder Katalanen (ca. 6 Millionen) in Spanien.

3) Darüber hinaus gibt es die Minderheiten, die zwar nie einen eigenen Staat gegründet haben, aber wie die Räteromanen, Sorben oder Friesen viel früher in ihren respektiven Heimatregionen gesiedelt haben, als die jeweiligen heutigen "Titularnationen" (um noch so einen schönen Begriff zu verwenden). Doch das ist nicht alles:

4) Hinzu kommen natürlich die Urbevölkerungen, wie die Inuit und die Sami.

5) In einigen Ländern definieren sich auch die Juden als nationale Minderheit, wohingegen sie in anderen Ländern allein als religiöse Gemeinschaft anerkannt werden wollen.

6) Als größte Gruppe kommen die Roma und Sinti hinzu - mit rund 14 Millionen Angehörigen. Es wäre jedoch ein kapitaler Fehler, diese vielen Roma-Gemeinschaft in Europa als homogene Gruppe zu betrachten. Die Sinti in Deutschland unterscheiden sich zum Beispiel in Sprache, Kultur und Problemen deutlich von den Roma in Ungarn.

Summa summarum: Das Bild der Minderheiten in Europa ist sehr komplex, vielfältig und bunt.


"Neue Minderheiten"



Doch es geht noch weitaus komplizierter: Bislang haben wir nämlich eine Frage ausgeklammert. Die Frage der "neuen" Minderheiten. Die in sich selbst nicht weniger komplexe Gruppe der Migranten, Asylanten, Ausländer etc. in Europa. Auch hier ist die Wirklichkeit vielschichtig, vielfältig und bunt.

Das Verhältnis zu den sog. "neuen" allochthonen Minderheiten ist eine der großen Herausforderungen und Chancen für die "alten" autochthonen Minderheiten in Europa.

Doch vorab ein Beispiel dafür, warum es gar nicht so einfach ist zwischen "alten" und "neuen" Minderheiten zu unterscheiden. Denn wann ist eine Minderheit "alt" bzw. kann eine "neue" Minderheit auch zu einer "alten" Minderheit werden?

Diese Diskussion zwischen "alt" und "neu" ist schwierig, da sie oft politisch und sogar emotional aufgeladen ist und voller Missverständnisse besteht. Es wird im Diskurs oft auf die Tatsache verwiesen, dass die neuen Minderheit "nur" als Arbeitsimmigranten in das Land gereist sind und daher natürlich einen ganz anderen Status haben müssen, als die alten Minderheit.

Dieser Logik kann man nur zum Teil folgen. Die Deutschen in Rumänien, zum Beispiel die Banater Schwaben, sind als tüchtige "Arbeitsimmigranten" und fähige Fachleute ins Land gerufen worden und eingewandert. Das alles hat sich natürlich bereits vor Jahrhunderten ereignet, aber dennoch - eingewandert. Zum Vergleich, die Türken in Deutschland sind nunmehr in der dritten oder vierten Generation in Deutschland sesshaft und immer häufiger nehmen sie die deutsche Staatsbürgerschaft an. Ab wann können demnach die Türken - wie die Banater Schwaben - einen Anspruch stellen, als "autochthone Minderheit" in Deutschland anerkannt zu werden?  

Oder um es noch einen Grad komplexer zu machen, folgt hier ein weiterer "Graubereich": Die russischen Gemeinschaften im Baltikum, die zum Teil einen erheblichen Anteil der Gesamtbevölkerung Estlands und Lettlands ausmachen, sind nach internationalen Übereinkommen eindeutig als autochthone Minderheiten anerkannt. Dabei sind viele Russen als politische Eliten und Arbeitsimmigranten im Kommunismus in verschiedenen Wellen gezielt im Baltikum angesiedelt worden (eine alt-russische Minderheit gab es "schon immer"). 
Der Status der "neuen" Minderheiten ist ein hochpolitisches Thema und sorgt schnell für erhitzte Gemüter und wird bislang von Regierungen (und den alten Minderheiten) teilweise tabuisiert. Wenn man einen bundesdeutschen Politiker nervös machen und ihm Schweissperlen auf die Stirn treiben möchte, dem erklären man, dass die türkische Minderheit in Deutschland entsprechend der Sorben, Dänen und Friesen ein Anrecht auf Anerkennung als nationale Minderheit und entsprechende (finanzielle) Unterstützung hat. Als der türkische Regierungschef Erdogan vor Monaten in Köln eine Rede vor türkischstämmigen Deutschen bzw. in Deutschland lebenden Türken hielt, forderte er genau diese Anerkennung. Hierbei handelte es sich gewiss eher um den Versuch des Machtpolitikers Erdogan einer politischen Instrumentalisierung der türkischen Minderheit in Deutschland (ein oft gesehenes und gefährliches Phänomen in der Minderheitenpolitik). Dennoch, die Frage der Anerkennung von ursprünglichen "Einwanderungsgruppen" als nationale Minderheiten ist und bleibt virulent.

Doch gibt es überhaupt eine Lösung? Es gibt sicher nicht die eine richtige Lösung. Denn selbstverständlich ist es sinnvoll und muss es eine Unterscheidung zwischen autochthonen und allochthonen Minderheiten geben. Die Anforderungen und Hintergründe dieser Gruppen sind sehr unterschiedlich. Eine Verallgemeinerung, wie sie in der Wissenschaft häufig gefordert wird, nützt niemanden. Eine Annäherung der "neuen" Minderheiten an den Rechtsstatus der "alten" Minderheiten wird nur eines herbeiführen, nämlich eine (weitere) Aushöhlung des bereits derzeit sehr schwachen Minderheitenschutzes auf europäischer Ebene.

Dennoch, es muss auch die Möglichkeit geben, aus "neuen" Minderheiten "alte" Minderheiten zu machen und diese in die Vielfalt der Minderheitenregelungen in Europa aufzunehmen. Konkret: Es gibt eine pragmatische Lösungen dieser Frage, die mir gefällt; wenngleich sie "willkürlich" daherkommen mag. In Schweden und in Ungarn hat man sich dafür entschieden, dass eine Gruppe den Status einer nationalen Minderheit mit allen Rechten erhält, wenn diese über 100 Jahre "aktiv" im Land gelebt hat und an einer eigenständigen Identität als autochthone Minderheit festhalten möchte. Das erscheint mir eine konstruktive Lösung der Frage, wann eine "neue" Minderheit "alt" genannt werden kann.

Zum Schluss kommend, möchte ich die These wagen, dass den "alten" Minderheiten ihr sehr defensiver, ja zum Teil ängstlicher Umgang mit den "neuen" Minderheit nicht helfen wird und der Sturm nicht einfach vorbeizieht, wenn man ihn versucht zu ignorieren. Die Frage, wie man sich zu den "neuen" Minderheiten verhält, wird in Zukunft nur noch häufiger und lauter gestellt werden.

Ich plädiere daher für einen offensiven und offenen Kurs. Sprich, aktiv die Zusammenarbeit suchen und die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede deutlich herausarbeiten. Kooperationen bieten sich förmlich an und die "alten" Minderheiten haben durchaus einiges zu bieten in der gesellschaftlich so kontrovers diskutierten Frage der Integration von Minderheiten. Die über Jahrzehnte gesammelte, praktische Erfahrungen der "alten" Minderheiten, wie man die eigene Identität wahren kann, ohne sich gegen die Mehrheitsgesellschaft stellen zu müssen, ist ein großes Pfund, mit dem die alten Minderheiten vielmehr wuchern sollten. Ich denke hier an eine "Allianz gegen Assimilation". Denn eines wissen die "alten" Minderheiten in Europa nur zu gut - die Gefahr der Assimilation besteht immer und ist eine große Bedrohung für die Minderheit, die ihre eigene Kultur, Sprache und Eigenheit bewahren möchte. Doch wenn es gelingt, die Staaten davon zu überzeugen eine progressive Minderheitenpolitik zu führen, gibt es gute Beispiele dafür, dass Minderheiten, die ihre Eigenheit bewahren, gleichzeitig voll integrierte und loyale Staatsbürger sein können. In einer "Allianz gegen Assimilation und für Integration" könnten "alt und neu" passend zusammenarbeiten und ihre Kräfte bündeln!

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